Spinner, Utopisten, Antikommunisten

Gegen das Festhalten am Bilderverbot und für eine Verständigung über Kommunismus

Dieser Text wurde ursprünglich in der Phase 2 Nr.36/2010 veröffentlicht.

Wie war das noch mal damals, Mitte, Ende der neunziger Jahre? Mit dem Selbstverständnis des Teils der Linken, aus dem wir herkommen? Man war und nannte sich KritikerIn. Man nannte das sogar einen Beruf. Und der war so sehr ernst und wichtig, dass beim Aussprechen dieser Berufsbezeichnung schon mal ein Schauer über den Rücken laufen konnte. Das war schön. Die eigene objektive gesellschaftliche Irrelevanz ließ sich in eine Stärke und Überlegenheit verwandeln: Man wusste etwas, das andere, die Bürger und die, die sich nicht Kant-Hegel-Marx-Adorno, oder auch den Gegenstandpunkt »draufgeschafft« hatten, nicht wussten: dass diese Gesellschaft die falsche ist, und vor allem, warum sie das ist. Den NovizInnen in diesen Kreisen, die naiv davon ausgingen, dass Politik nicht nur mit Wissen, sondern auch etwas mit Zwecken zu tun hat, und die absurde Frage stellten: »Was eigentlich wollt ihr denn?«, wurden Texte zu der Frage angedreht, ob und wie in Marx’ Kritik der politischen Ökonomie, Analyse und Kritik unmittelbar identisch sind. Dass es sich bei der Kritik schon um den ganzen und einzigen Zweck handelte, stand nicht im Ernst zur Debatte.
Die Sache mit dem Selbstverständnis sieht anders aus, wenn man nicht in erster Linie etwas anderes als der Rest der Welt weiß (das auch noch Niveau hat!), sondern vor allem etwas anderes als der Rest der Welt will. Wenn man nicht mehr sagt: »Ich habe eine auf objektiver Erkenntnis beruhende Kritik, und aus der folgt nun mal – ob ich oder die Welt das nun will oder nicht –, dass das Privateigentum an Produktionsmitteln abzuschaffen ist.«, sondern stattdessen viel hilfloser: »Wenn es auch niemand teilt, ich vertrete folgenden politischen Zweck: Eine auf Selbstbestimmung und freier Kooperation beruhende, am Maßstab von Bedürfnissen produzierende Planwirtschaft.« Und wenn man auf die Frage, wie man sich das denn vorstelle (schliesslich sei das alles längst widerlegt), nicht sagt: »Zuerst kommt die Kritik, also lies erstmal das Kapital.« Sondern kleinlaut: »Hhm…das weiß ich auch nicht so genau.« Dann stellt sich auf einmal mit ziemlicher Dringlichkeit die Frage nach möglichen Organisationsprinzipien einer kommunistischen Gesellschaft und, weil man es ja ernst meint, auch die nach deren Realisierungsbedingungen. Sowohl für die eigene Vergewisserung als auch um anderen auf die Frage, wie es gehen könne, eine Antwort geben zu können. Bei der Beschäftigung mit ebendieser wird man dann damit konfrontiert, dass die Gewissheit, dass solche Fragen nur etwas für Spinner oder Leute, die das Kapital nicht verstanden haben sind, nach wie vor sehr gängig ist. Wir haben also ein paar der immer wiederkehrenden Einwände gegen die affirmative Befassung mit dem Thema Kommunismus zusammengeklaubt, um sie in Grund und Boden zu kritisieren.

1. »Wir wissen doch von Adorno, dass man sich von der befreiten Gesellschaft kein Bild machen soll: Über die Negation des Negativen hinauszugehen bedeutet, den Kommunismus in Vorstellungen zu kleiden, die durch das bestehende Negative (Kapitalismus usw.) bedingt sind.«

Die Überzeugungskraft dieses Topos speist sich aus einer fragwürdigen Voraussetzung: Dass es bei der befreiten Gesellschaft um das ganz Andere zu gehen hat. Das klingt zum Beispiel so: »Die Geschichte als revolutionäre Praxis ist mitnichten die ewige Wiederkehr des Gleichen, sondern der Vorstoß ins Noch-nie-Dagewesene, ins Unbegriffene, Bilderlose, ja, ins Offene und ins Neue […].« Weil man dieses Unbegriffene ja aber doch wollen können muss, muss es irgendeinen Inhalt haben, und das geht so: »Allein deshalb, weil das, was ist, unvollständig ist, kann die negative Utopie als konkrete Utopie begründet werden; damit, dass eben das, was ist, nicht sein soll.«(1) Der Inhalt der Konkretion der Utopie ist also die Negation des Negativen.(2) Utopie hat es nicht mit so etwas Schnödem wie Organisationsformen zu tun, etwa mit der Frage, wie eine hochgradig arbeitsteilige Produktion sinnvoll geplant werden kann, sondern mit dem »Nichtidentischen«.(3) Dieses ganz Andere, Begriffslose, Bilderlose können wir nicht antizipieren. Es lässt sich aber die Frage stellen, wer hoffentlich irgendwann mal den Kapitalismus abschafft und in irgendeinem Prozess so etwas wie Kommunismus hervorbringt. Diese Bewegung hätte es doch zunächst mit Bedingungen zu tun, die den heutigen in vieler Hinsicht gleich bzw. nicht ganz unähnlich wären (Kapital/Lohnarbeit, Staat u.a.). Sollte diese wirkliche Bewegung dann nicht möglichst davon abgehalten werden, irgendetwas Verrücktes (Revolution) zu tun, und zwar mit dem Argument: Wenn sie sich einbildet, sie könnte aus der Negation des Negativen etwas Positives folgern, verfälsche sie nur das Nichtidentische? Nein, und zwar deshalb nicht, weil es nicht um das ganz Andere oder das Nichtidentische geht und ganz bestimmt nicht um die Abschaffung von Leid. Es geht um die Abschaffung bestimmter Herrschaftsverhältnisse (die Leid hervorbringen) und die Schaffung von Organisationsformen, die Selbstbestimmung ermöglichen (womit hoffentlich bestimmtes Leid nicht mehr hervorgebracht wird, oder doch wenigstens deutlich weniger). Zum Beispiel könnte es um die Ersetzung des Marktes durch gesellschaftliche Kooperation und Planung gehen; zum Beispiel darum, dass niemand mehr hungern muss; zum Beispiel darum, die Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit, oder, etwas realistischer, deren Verteilung auf verschiedene Bevölkerungsgruppen soweit wie möglich aufzuheben. Wenn sich die wirkliche Bewegung dann fragt: »Wie machen wir denn das?«, wird sie nicht unbedingt in einer privilegierteren Position als wir heute sein, um darauf Antworten zu finden. Das Wahrscheinliche ist doch, dass erstmal Überlegungen, die dazu schon vorher in der Welt waren, aufgegriffen, modifiziert und den gegeben Bedingungen angepasst werden würden. Die Abschaffung von Leid kann genauso wenig wie das ganz Andere ein politischer Zweck sein, weil dafür nämlich in der Tat keinerlei Realisierungsbedingungen anzugeben sind. Wie muss eine Gesellschaft aussehen, damit eine nicht erwiderte Zuneigung kein Leid mehr bedeuten? Und überhaupt, wie fühlen sich Menschen unter wesentlich anderen Bedingungen? Wie ändert sich das Geist-Körper-Verhältnis? Und wollen Menschen dann den ganzen Tag auf dem Wasser liegen, oder sich lieber innerhalb irgendeiner sinnvollen Tätigkeit selbst verwirklichen? Wären das die zu beantwortenden Fragen, dann hätte das Bilderverbot tatsächlich einen gewissen Sinn. Man kann das alles nicht wissen. Aber statt deshalb das Offene, Neue, ganz Andere anzubeten, folgt daraus, dass man seine politischen Ziele nicht daran knüpfen sollte. Man sollte nicht, statt über Dringlichstes zu reden (Abschaffung von Hunger, Reduktion der Arbeitszeit, Schaffung von besseren Arbeitsbedingungen, Abschaffung von Hausarbeit, Kollektivierung von Erziehung, die Schaffung von politischen Organisationsformen, innerhalb derer diejenigen Menschen die von einer Entscheidung betroffen sind, diese auch treffen …), sich an der Vorstellung einer befreiten Gesellschaft im Jenseits erbauen. Man sollte sich auf diese (geschichts-)philosophisch bis theologische Art über Kommunismus zu reden nicht einlassen und sie durch eine politische ersetzen.

2. »Prinzipiell nichts gegen Bilder, aber zurzeit steht so etwas nicht an. Denn die Voraussetzung dafür, dass dabei nicht lauter falsche Projektionen herauskommen, ist die richtige Kapitalismuskritik. Solange die nicht geteilt wird, ist deren Verbreitung unsere Aufgabe und sonst nichts.«

Jein. Wer das Finanzkapital als Feind identifiziert, wird auf eine andere Antwort kommen als die, dass das Kapital das Problem ist. Und wer meint, dass Konkurrenz aus der Natur des Menschen herrührt, wird kaum einen Grund sehen, den Markt durch Planung zu ersetzen. Deshalb ist Kapitalismuskritik unerlässlich. Aber diese Tatsache legt durchaus keine Reihenfolge innerhalb eines Überzeugungsprozesses fest. Hierfür kann auch das, was aus der Kritik folgt, konstitutiv sein. Wer die Gewissheit hat zu wissen was daraus folgt, nämlich entweder stalinistischer Terror oder gar nichts, weil alles andere ein Wolkenkuckucksheim ist, kann auf dieser Grundlage zurecht sagen: »Ich kritisiere doch auch nicht den Regen, obwohl ich ihn nicht mag. Klar ist Kapitalismus nicht so toll, aber wenn es keine bessere Alternative gibt, muss ich mich nicht damit auseinandersetzen, was genau ihn so abschaffungswürdig macht. Lieber denke ich über Reformen nach, die das Leben von Menschen im hier und jetzt wenigstens ein bisschen verbessern.« Dieses Bedürfnis zu wissen, was aus der Kritik folgen könnte, bevor man sich auf die Analyse des Kapitalismus voll eingelassen hat, wäre allerdings ein falsches, wenn der Zusammenhang zwischen Analyse, Kritik und den Überlegungen zu möglichen Organisationsprinzipien einer befreiten Gesellschaft so eng wäre, wie es der Einwand unterstellt. Aber einerseits kann man Überlegungen zur Gestaltung einer Planwirtschaft durchaus nachvollziehen, ohne vorher die Gesetze es Marktes verstanden zu haben. Andererseits klärt die Analyse des Kapitalismus nicht unmittelbar, was die »richtige« Kritik und deren Konsequenzen sind. Ob beispielsweise den VerfechterInnen des Kommunismusmodells parecon (participatory economics) zuzustimmen ist, dass Gerechtigkeit eines der obersten Prinzipien einer befreiten Gesellschaft sein muss, entscheidet sich nicht an der Analyse des Ausbeutungsverhältnisses.

3. »Wir können doch denen, die möglicherweise mal die Revolution machen werden, nicht vorschreiben, was sie zu tun haben!«

Stimmt, das können und wollen wir nicht. Uns geht es zunächst mal darum, eigene Zwecke und deren Realisierungsbedingungen – denn von denen hängen Zwecke schließlich auch ab – für uns zu klären und wenn es gut läuft, das mit möglichst vielen anderen zu diskutieren, sie zu überzeugen oder von ihnen überzeugt werden. Das hat mit Vorschreiben nicht viel zu tun. Komisch ist doch, dass es immer die anderen sind, die es wissen dürfen und müssen. Wer sind denn die anderen? Die noch mehr Ausgebeuteten? Die weniger Gebildeten? Oder gar die noch Unfreieren, die gar nicht die Möglichkeit haben, so etwas zu artikulieren? Die, die im historischen Jenseits einmal die »wirkliche Bewegung« bilden? Warum gehören wir denn selber nicht dazu, warum nimmt man sich da immer raus? Wir wollen Teil dieser Bewegung sein, wenn es sie einmal geben sollte und wir noch leben. Nicht erst dann, sondern ab sofort müssen wir uns Gedanken machen, wie man es organisieren kann, dass nicht diejenigen die mehr wissen, oder eloquent reden können, oder mehr Zeit haben, oder männlich sind bestimmen wo es lang geht. Die Ablehnung einer elitären Avantgarde, von der dieser Einwand herrührt, ist kein Gegenargument, sondern vielmehr ein entscheidender Grund sich mit der Frage vernünftiger Organisationsformen zu befassen.

4. »Man kann doch eine Gesellschaft nicht am Reißbrett entwerfen! Die wirkliche Geschichte läuft anders, als sich das irgendwer in ihrem Kämmerlein ausdenkt.«

Dieser Einwand scheint so unmittelbar einzuleuchten, dass man nie erfährt, was damit genau gemeint ist. Oder ist gemeint, dass Einzelne (unter anderem) aufgrund von Gedanken, Zwecken, Ideen handeln, aber das für »die Geschichte« zumindest für historisch Neue nicht gilt? Auch hier reicht vielleicht der schlichte Hinweis auf die Französische und Russische Revolution. Offensichtlich hat das, was sich Leute vorher überlegt hatten eine Rolle gespielt. Nachvollziehbar wäre der Einwand in folgender Fassung: Ideen sind nicht das Einzige, was da bestimmend ist. So sehr die marxistischen ökonomischen Theorien der zwanziger Jahre für die Russische Revolution bestimmend waren, so wenig ist die Praxis der Revolutionäre schlicht auf sie zurückzuführen. Denn plötzlich gab es Bedingungen, die von der Theorie nicht nur nicht vorgesehen waren, sondern die der Umsetzung der Theorie (wie fragwürdig die teilweise auch gewesen sein mag) tatsächlich im Weg standen. Man kann eine Gesellschaft nicht am Reißbrett entwerfen. Wer das aber für einen Einwand hält, schätzt den Sinn der Beschäftigung mit Kommunismus falsch ein. Es geht nicht darum, sich individuell als GesellschaftsingenieurIn zu betätigen. Es geht um die Verständigung über Zwecke, darum der These »Kommunismus ist möglich« etwas Substanz zu verleihen, indem man das modellhaft zeigt; und auch darum, dass es in einer revolutionären Situation (ob in zehn, fünfzig oder fünfhundert Jahren) bestimmt nicht schaden würde, wenn auf eine möglichst reichhaltige, reflektierte Tradition des konkreten Nachdenkens über kommunistische Organisationsformen zurückgegriffen werden könnte.

5. »Von mir aus kann man über diese Dinge ja nachdenken, aber ich sehe nicht die Relevanz. Dass ihr die seht, liegt wohl daran, dass ihr euch das alles viel zu kompliziert vorstellt. Die Revolution ist die Abschaffung aller Antagonismen, die Konflikte a) notwendig und b) unlösbar machen. Wenn es also mal Uneinigkeiten geben sollte, dann setzt man sich einfach zusammen. Aber das meiste ist dann ohnehin technischer Natur: Verwaltung der Sachen statt Politik.«

Wenn nicht gerade die Verwechslung einer Gesellschaft mit einer WG der Grund für diese Überzeugung ist, dann ist es meist genau jene Verschiebung des Kommunismus in ein Jenseits, die im Hintergrund steht. Im Kommunismus gibt es die Aufteilung in Freizeit und Arbeit nicht mehr,Arbeit ist Selbstverwirklichung und deshalb kann es da gar keine Konflikte um deren Verteilung geben. Anders gesagt, alle Menschen handeln dann vernunftbestimmt, wählen aus freien Stücken die Arbeit die gerade nötig ist. Wenn es an einer Produktsorte mangelt, dann »nimmt« man sich davon nur, wenn man es ganz dringend braucht – aber eigentlich ist Mangel dann ja sowieso abgeschafft. An solche und ähnliche Thesen schließt sich dann meist ganz illusionslos die Befürchtung an, dass das in der Übergangsgesellschaft nicht der Fall wäre. Da müsste es natürlich Zwang und Repression geben, weil die Menschen noch nicht soweit sind. – Das alles gab es schon mal, und nannte sich Realsozialismus. Wenn diese »Übergangsgesellschaft« nicht mehr oder weniger vom ersten Tag »vernünftig« zu nennen ist, wenn nicht sofort Verlaufsformen etabliert werden, die so beschrieben werden könnten, dass aus dem Willen der Einzelnen ein allgemeiner resultiert, dann steht zumindest sehr infrage, wie denn der Prozess aussehen soll, aus dem dann der eigentliche Kommunismus hervorgehen könnte.
Dieser eigentliche Kommunismus, was immer man zu seinem Kern macht – Vernünftigkeit, Abschaffung von Leid, Abschaffung von Arbeit – interessiert uns nicht besonders. Wir finden das alles wunderbar, und hätten ganz und gar nichts dagegen, wenn das, was wir zunächst mal unter Kommunismus verstehen (kooperative, arbeitsteilige Produktion am Maßstab von Bedürfnissen), sich in so eine Richtung entwickeln würde. Zunächst aber ist von einer Gesellschaft auszugehen, in der es eine Vielzahl von Konflikten und Antagonismen gibt. Das sind keine Sachen, die verwaltet werden könnten. Sie verlangen nach Verlaufsformen, die politischer Natur sind. »Zusammensetzen« kommt uns nicht vor wie die gesellschaftliche Lösungsformel für das Problem, wie es gehen kann, dass alle in ihren Bedürfnissen und in ihrem Willen ernstgenommen sind.

Anmerkungen:

(1) Roger Behrens, Kommunismus. Dreißig Thesen, in: Phase 2.31 (2009), 35.

(2) Ebd.

(3) Ebd.


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