Konsumkritik - Antiamerikanismus - Europäischer Nationalismus

European Culture - Use A Club* (”we really want to hurt eU”)

Vortrag am 25. September 2004 von jimmy boyle - junge linke zu Konsumkritik - Anti-Amerikanismus - Europäische Kulturnation.

Der Vortrag wurde im Rahmen der Veranstaltung rock against the system des antifaschistischen soundkollektivs gehalten. Der Text wurde zuerst veröffentlicht auf www.junge-linke.de.

Einladungstext:

Auch in der Linken ist das Entdecken von falschen Bedürfnissen an der Tagesordnung. Die sprichwörtliche Hütte, der der Frieden erklärt wird, auf dass aller Hass auf die Paläste sich fokussieren kann, gibt hiervon ein beredtes Beispiel. Dem oberflächlichen Immer-Mehr-Haben-Wollen, der Konsumideologie wird der Kampf angesagt. Einfaches Leben mit den wahren, wirklichen Gebrauchsgegenständen wird der entfremdeten Warenwelt entgegengesetzt; das Produkt des ehrlichen, mit seiner Scholle verwurzelten Bauern mit dem wettergegerbten Gesicht dem geschniegelten Geschäftsgebaren. Und wenn Xavier Naidoo im Musikvideo einen Luxuswagen mit dem Vorschlagshammer bearbeitet, freuen sich wohl auch nicht nur seine durchgedrehten Christenfreunde.

Diese Kulturkritik wütet manchmal, nicht immer, nicht nur innerhalb der Landesgrenzen, sondern entdeckt eine Invasion dieser verderblichen Entwicklungen, die ganz speziell aus einem Land der Welt kommt: aus den USA. Die ganz große Oberflächlichkeit von amerikanischer Mentalität, die sich in Hollywood und US-Wahlkampf zeige und die geklont-klebrige Künstlichkeit von McDonalds und Coca Cola seien mit dem Turbokapitalismus in die deutschen resp. europäischen Lande eingefallen und hätten die ehrwürdige Authentizität verletzt. Die Ablehnung der angeblichen amerikanischen Plastik-Welt vereint konservative Kulturkritik und sich links gebende Konsumkritik. Eng verwoben mit der Wut gegen das ewige Profitstreben die Entfremdung des gesamten Lebens und der Verdinglichung der menschlichen Beziehungen, entdeckt man von Konzernen oktroyierte Oberflächlichkeit. Und dagegen wird wieder manchmal, nicht immer, die europäische Kulturnation hochgelobt, die Kunst und Kultur noch Freiräume von dem Terror der Ökonomie einräume und diese in die Lage versetzte, noch Originalität auszudrücken.

Gegen all das glauben wir eine Menge Argumente zu haben, die wir Euch darstellen wollen. Und gleichzeitig wollen wir zeigen, welchen richtigen Nebenkern diese Konsumkritik hat. Diskutiert mit uns darüber!

Vortrag:

Vorbemerkung

Der europäischen Ideologie zufolge sind Europäer die besten aller Menschen. Einen ganz besonderen Menschenschlag bilden sie. Sie sind moralisch einwandfrei, denn voller Werte wie Solidarität, Hilfsbereitschaft und Friedfertigkeit. Die Aufklärung haben sie den islamischen Ländern voraus, weshalb die Türkei in der EU und Türken in europäischen Ländern nichts zu suchen haben sollten. Amerika haben sie eine gewisse Tiefsinnigkeit voraus, denn während in Hollywood nur oberflächlicher Schund produziert wird, regen europäische Filme meist zum Nachdenken an. Das europäische Genre heißt Anspruchsfilm. Bis zum Erbrechen wird dieser Schwachsinn heruntergebetet. Das alles soll dann auch noch zur Rechtfertigung dafür dienen, dass die EU stärker und größer werden soll, um ihre Vorzüge in die Welt hinein tragen zu können. Wichtig ist dabei die Abgrenzung von der bisherigen stärksten Weltmacht, den USA. Ihnen wird die Legitimität abgesprochen. Angeblich treten sie auf internationalem Boden auf wie ein Berserker, sind Umweltzerstörer wie sonst niemand und außerdem essen Amerikaner nur Burger und Unmengen von riesigen Fleischstücken täglich. Überhaupt haben sie ein unmögliches Konsumverhalten. Willenlos ziehen sie sich allen möglichen kulturindustriellen Schund rein. Dazu kommt, dass der Raubtierkapitalismus von Amerika ausgeht und wahrscheinlich alle genug zu essen hätten, wenn erst mal amerikanische Konzerne zu Tode boykottiert worden sind. In letzter Zeit wird viel über die Notwendigkeit eines europäischen Identitätsgefühl diskutiert. Dabei wird deutlich ausgesprochen, dass für die Stärkung der EU in der internationalen Konkurrenz im Allgemeinen, aber im Besonderen der Konkurrenz mit den USA ein europäischer Nationalismus für nötig befunden wird. Eine angeblich europäische Kultur soll die Grundlage für diesen Nationalismus abgeben. Um diese angebliche Kultur geht es im 3. Teil unseres Referats.

Im 2. Teil geht es um den Antiamerikanismus, der für die Konstruktion einer europäischen Identität konstitutiv ist. Im ersten Teil beschäftigen wir uns mit der Tatsache, dass die Unterscheidungen von guter Kultur und böser, einem durch Werbung versauten Leben und einem quasi richtigen, natürlichen, dem gutem Kapitalismus und dem bösem, auch unabhängig von einem EU-Nationalismus und Antiamerikanismus vorkommen, nämlich im Rahmen einer Bedürfnis- und Konsumkritik. Wenn Wir sind Helden in “Guten Tag”, angeblich ironisch - die Ironie ist uns leider entgangen - wenn also Wir sind Helden mit Zähnen und Fäusten, mit ihrer Stimme und ihrer Seele, gegen die “neue Version” des Lebens ankämpfen, die innerhalb der “totalen Television” angepriesen wird, wenn sie dieses Leben zur Reklamation bringen und ihr altes zurückfordern, dann benennen sie dieselben Unterschiede, die von Antiamerikanern auf die EU und die USA verteilt werden. Das Gemeinsame an Konsum- und Bedürfniskritik, Antiamerikanismus und dem EU-Kulturnationalismus ist, dass man sich auf eine gewisse Art kritisch zum Kapitalismus stellt, allerdings ohne ihn deshalb tatsächlich generell kritisieren oder gar abschaffen zu wollen. Man will nur seinen Wirkungsbereich eingrenzen. Die Bedürfnisse sollen vom Kommerz unbeeinflusst bleiben und die Kultur soll sich jenseits von Profitgier abspielen. Bei Antiamerikanern und EU-Nationalisten ist es dann nicht die Profitgier im Allgemeinen, die verantwortlich gemacht wird, wenn diese Sphärentrennung nicht klappt, sondern der verderbliche Einfluss kommt aus den USA.

I. Konsumkritik

Konsumkritik zeichnet sich stets aus durch die Aufteilung in guten und schlechten Konsum. Der schlechte Konsum wird als Folge der durch Werbung manipulierten Bedürfnisse erkannt, Drahtzieher der Manipulation sind die Konzerne, denen eine verblödete und gehirngewaschene Gesellschaft den Umsatz sichert. Dies ist eine Trennung von wahren Bedürfnissen und künstlich erzeugten. Dementsprechend wird der Rückschluss auf die Produkte gemacht und nicht umgekehrt erst das Produkt beurteilt: Die Intention des Verkäufers, dem es nur ums Geld geht, während ihm die Menschen egal sind, ist ausschlaggebend für die Qualität der Ware. Dass man tatsächlich vielen Produkten ansieht, dass sie unter dem konkurrenzbedingten Zwang zur Stückkostenreduzierung produziert wurden, führt nicht zur Kritik dieser Konkurrenz. Stattdessen wird der Profitgier der Großen der gute Produzent gegenübergestellt, der mit authentischer Arbeit und mit der scheinbaren Absicht, Gebrauchswerte für die Menschen zu schaffen, seine Ware zu Markte trägt. Man erkennt ihn vorzüglich an der relativen Geringfügigkeit seines Kapitals, weshalb er sich nicht die fortschrittlichste Produktivkraft und Hightech-Werbung leisten kann.

Hier besteht die Vorstellung von einem authentischen und moralisch guten Tausch, einem Außen des richtigen Denkens und Handelns innerhalb des Kapitalismus, der sich streng von der Oberflächlichkeit des dumpfen Massenkonsums und Kommerzes und der Entfremdung von der eigentlich guten und moralisch integeren sozialen Interaktion des Tauschs abgrenzt. Der eigentliche Vorwurf ist nämlich, dass beim schlechten Konsum der Tausch, der in diesem Fall durch manipulierte Bedürfnisse der Konsumenten erst zustande kommen kann, nicht fair ist, sondern sowas wie Betrug. Erstens weil die Ware qualitativ schlecht ist und zweitens, weil das Bedürfnis erst künstlich erzeugt wird und nicht “echt” ist. Dabei werden die Produzenten persönlich dafür verantwortlich gemacht.
Diese Sorte Kapitalismuskritik, die innerhalb des Systems in gut und böse unterteilt und somit das System nicht als System erkennt, führt in der Regel auch stets zu einer Kritik auf kultureller Ebene. Da Authentisches und Kommerz als Widersprüche entdeckt werden, in unmittelbar und entfremdet, in wertvoll und Ramsch aufgeteilt wird, gesellt sich auch die Spaltung in tief und oberflächlich dazu. Dem liegt die bürgerliche Ideologie zugrunde, Kultur müsse frei von kapitalistischen Verwertungszwängen sein. Wird sie jedoch als Produktionszweig erschlossen, so gilt meist: Authentisches wird vom Kommerz verdorben. Beispiele sind hier die Kritik an der “neoliberalen” Privatisierung staatlicher Kunstausstellungen mit Werbebannern soweit das Auge reicht, Plattenverträgen bei Majorlabels und das von Bands, die vorher bei kleinen Independantlabeln unter Vertrag standen oder Do It Yourself waren, und das erstmal unabhängig davon, ob die Musik sich dabei tatsächlich qualitativ irgendwie verändert, und natürlich die Feststellung, Filmproduktionen aus Hollywood seien stets oberflächlich und hätten eigentlich nichts mit Kunst zu tun, da sie nur Geld einspielen sollen.

Letztenendes sollen die Widersprüche des Kapitalismus damit aufgehoben werden, dass die Menschen richtig konsumieren, denn dass hier igendwas offensichtlich falsch läuft, liegt dieser Vorstellung nach am falschen Konsum. Um dies zu schaffen wird zum Boykott gegen Großkonzerne (McDonald’s, H&M, Microsoft etc.) und große Musiklabels aufgerufen, ehemalige Mitstreiter, die sich an diese “verkaufen” werden bekämpft und dagegengehalten wird die Unterstützung von alternativen Projekten wie alternativen Tante Emma Läden, kleinen Indielabels etc.

Das alles soll nicht heißen, dass beispielsweise so etwas wie künstlerische Autonomie nicht wünschenswert wäre. Doch die Durchdringung der Kultur von Verwertungszwängen ist kein Beiwerk, dass man je nach Einstellung mitnehmen oder ablehnen könnte. Zwar hängt natürlich die Tatsache, ob sich ein Indielabel halten kann oder nicht, auch von der Käuferentscheidung ab, und ob die Jungleworld weiter besteht davon, ob genug Leute sie abonnieren. Aber im Allgemeinen funktioniert das nicht so. Je größer das Kapital eines Unternehmen, je fortschrittlicher die angewandte Technik und je mieser die Arbeitsbedingungen, desto preiswerter sind die Produkte und wahrscheinlicher der Erfolg in der internationalen Konkurrenz. Auch wenn hier und da ein Unternehmen mit den besseren Arbeitsbedingungen oder den besseren Produkten unterstützt werden kann, sind doch die Löhne der Konsumenten niemals hoch genug, um dieses Prinzip der Konkurrenz aus den Angeln zu heben. Deshalb geht Konsumkritik immer an der Sache vorbei und macht immer die falschen Feinde aus. Die Konsumenten mit der falschen Moral und die einzelnen bösen Unternehmen, statt den Kapitalismus als beschissenes Verhältnis mit einer Eigengesetzlichkeit, gegen die man innerhalb des Systems nicht ankommt.

II. Antiamerikanische Kulturkritik

Die Konsumkritik, von der die Rede war, zeichnet sich durch einen abspaltenden Akt aus. Es wird eine Teilung vorgenommen in guten und schlechten Konsum, in die naturgemäße Nutzung von Lebensmitteln und das Schwelgen in überflüssigem Luxus. Der “vernünftige” Umgang mit den Widrigkeiten des kapitalistischen Alltags wird hochgehalten, der sich lieber an den einfachen Dingen des Lebens und an der Hochkultur erfreut als an Oberflächlichkeiten wie Shopping, Drogenrausch und Fastfood. Statt eine Gesellschaft zu kritisieren, die einen ständig von den Mitteln der Bedürfnisbefriedigung ausschließt, verdammt man diese Bedürfnisse selbst.

Diese alltägliche Abspaltung findet sich aber auch noch in einer besonderen Form. Das Urteil, dass ein Fan von Markenkleidung oberflächlich sei, dreht sich um zu der Behauptung, dass diese Oberflächlichkeit gar nicht der Entscheidung des Einzelnen entspringe, der eine bestimmte Marke einfach gut findet. Stattdessen wird sein Markenbegehren auf den Einfluss zurückgeführt, den die USA durch ihre ökonomische und militärische Vormacht in der Welt auch auf die Gedanken und Bedürfnisse der Menschen hier hätten. Die an sich schon merkwürdige Kritik richtet sich somit nicht mehr nur auf das lasterhafte Subjekt, sondern erklärt dieses zum willfährigen, ferngesteuerten Spielball der US-Werbemaschinerie oder der durch amerikanische Einflüsse beherrschten deutschen Werbebranche, die ihm angeblich einredet, diverse völlig überflüssige Produkte zu begehren. Rammstein wissen: “We are living in America”, und auch, was dieses alles an Schund exportiert hat: Coca Cola, Wonderbra - und Mickey Mouse belagert bereits die Kulturmetropole Paris. Im besiegten Deutschland der Nachkriegszeit machte sich das Ressentiment gegen Amerika u.a. noch an Kaugummi, wilder Negermusik und Comics fest. Heute, da die USA allerorten für ihren “Unilateralismus” gerügt werden, tritt dieses Ressentiment wieder vermehrt auf und richtet sich eben gegen andere US-Produkte. Beispielhaft dafür ist die Wahrnehmung der US-Filmindustrie. Fragt man das europäische Kinopublikum, so kriegt man zu hören, dass aus Amerika ausschließlich reißerische Actionfilme und flache Komödien kommen, während in Europa nur anspruchsvolle Filme mit Tiefgang produziert werden. In dieser selektiven Wahrnehmung fällt unter den Tisch, dass Babelsberg und Bavaria die gleichen Storys wie MGM oder Disney umsetzen, lediglich mit schlechteren Schauspielern und billigerer Technik. Und dass in den USA nicht nur Blockbuster, sondern auch Independentfilme produziert werden, müsste gerade den amerikakritischen Fans von “Bowling for Columbine” und “Supersize Me” klar sein.

Auch muss man Kulturprodukte, die mit dem eigenen Produkt-Sein völlig unbeschwert umgehen, ja nicht mögen. Spiegeln die Charaktere darin doch meistens einen unverschämt leichten und natürlichen Umgang mit dem kapitalistischen Alltag wider. Noch alles, was einem in Form von Lohnarbeit und allgegenwärtiger Konkurrenz schwer zu schaffen macht, wird hier als Chance fürs Subjekt verkauft. Etwas anderes ist es jedoch, dagegen das hohe Ideal der tiefen Künstlerseele hochzuhalten, die unschuldig und rein in Sphären fern des schnöden Mammons schwebt. Denn auch die verschiedenen europäischen Filmindustrien haben schließlich die Aufgabe, profitable Erzeugnisse abzuliefern, und feiern eine Klamotte wie “Der Schuh des Manitu”, die die Kassen füllt, denn auch mehr als jedes noch so anspruchsvolle kleine Liebhaberstück.

Die Verachtung für die Künstlichkeit Hollywoods kann sich dann gleich mit dem Einfordern einer anständigen Esskultur gegen McDonald’s oder Burger King auf neue Höhen der Entrüstung schwingen. Politische Aktivisten wie der unter Globalisierungsgegnern beliebte José Bové sprechen hierbei direkt von der Verteidigung französischer Qualität gegen den “kulinarischen Imperialismus” der USA. Andere mögen auf den ersten Blick lediglich die anständige internationale Esskultur gegen die unanständige hochhalten und dabei gar nicht die eigene Nationalküche präferieren. Aber die Kritik entzündet sich in der Regel dann doch an US-amerikanischen Schnellrestaurants: Vor einer Kochlöffelisierung oder Nordseeisierung warnt hierzulande schließlich niemand. Es ist offensichtlich wichtig, von welchem Land aus Kapitalisten eine Novität, in diesem Falle Fastfood, auf den Markt bringen. Dabei sind die Beispiele für die Abneigung gegen Amerika lediglich Material, aber sie sind nicht der Grund dieser Abneigung.

Neben dieser Kritik beim einzelnen Staatsbürger gibt es eine ähnliche Haltung der Nationalstaaten zueinander: Zwischen diesen ist es allgemein recht üblich, die Gegner in der Staatenkonkurrenz als Urheber des eigenen Unglücks auszumachen, da man an dieser Konkurrenz selbst, die notwendig immer auch Verlierer produziert, nichts auszusetzen weiß. Und dass es gerade die USA sein sollen, die durch moralisch verwerfliches Handeln den an sich für gut befundenen Kapitalismus pervertieren, ist kein Zufall: Als ökonomische und militärische Weltmacht Nummer Eins können sie sich ein Verhalten leisten, um dass sie ihre Konkurrenten momentan nur beneiden können, und sind damit die größte Schranke für Deutschland, Frankreich und all die anderen europäischen Staaten, die gerade im Rahmen der EU an einem Gegenentwurf bauen, um diese Führungsrolle dereinst selbst besetzen zu können. Nun soll das nicht heißen, dass jeder, der hier individuell die US-Politik kritisiert, im Umkehrschluss Deutschland die Daumen drücken würde. Wer aber das Verhalten der USA kritisiert, muss dabei bedenken, dass dieses Verhalten nicht aus der Bosheit Amerikas, sondern aus seiner Pole Position in der Konkurrenz folgt und aus dem Willen, diese Position zu halten. Eine solche Kritik muss also die Gründe der US-Politik in der Staatenkonkurrenz selbst ausmachen. Dieser ständige Wettbewerb nämlich bringt es notwendig immer mit sich, dass jeder Staat zu jeder Schandtat gegen andere Staaten bereit sein muss, um in der Konkurrenz zu bestehen, sofern er sich nicht komplett aus der “internationalen Gemeinschaft” zurückziehen will (und dafür braucht es wenigstens des Drohpotentials einiger Atombomben). Und da ist es auch egal, welcher Staat nun konkret an der Spitze steht: In der Zustimmung zur freien Marktwirtschaft und zum gerechten Wettbewerb verwischen alle vermeintlichen nationalen Unterschiede.

III. Europa-Hype

Gegner der “Amerikanisierung” Europas stehen auf kulturelle Tradition. Und die hat nach deren Meinung eigentlich nur Europa. Europa ist zwar nicht die Wiege der Zivilisation, aber hier ist sie so richtig aufgeblüht. Die Polis, die Demokratie, die schöne Kunst und auch die Wissenschaft, die alle hatten bei den Griechen ihren Ursprung; das römische Recht kommt aus Rom, die Französische Revolution hat in Frankreich stattgefunden, Deutscher Idealismus kam zum großen Teil aus dem Gebiet, das heute Deutschland heißt und die Weimarer Klassik, wohl soweit nicht aus Frankfurt, dann aus Weimar. Ohne Zweifel liegen alle diese Orte geographisch in der Zone, die man heute Europa nennt. Zweifel haben wir aber an dem, was aus dieser bloß geographischen Tatsache alles gemacht wird:

1. Erstaunlich ist, mit welcher Selbstverständlichkeit die Liebhaber des Europäischen von einem gemeinsamen Raum auf eine Eigenart des Geistes in europäischer Kultur gegen den kulturellen Geist des Rests der Welt schließen. Immerhin wäre zu konstatieren, dass die Griechen das Lesen und Schreiben aus Mesopotamien haben und ihre Mythologie nicht zu geringen Teilen aus Ägypten. Jesus war auch nicht unbedingt Europäer und dennoch sind die Erzählungen über ihn nicht zu wenig in die Bildung europäischer Moral und Sittlichkeit eingegangen.

Aber nicht nur in grauer Vorzeit gab es keine abgegrenzte europäische Kultur. Die Bedeutung, die Poe aus Baltimore für Baudelaire gehabt hat oder nine inch nails aus Pennsylvania für Rammstein, wird niemand abstreiten und so zweifelhafte Sätze wie der von Kennedy, dass man nicht fragen solle, was der Staat für einen tun kann, sondern vielmehr, was man selbst für den Staat tun kann, erfreuen sich hier leider auch einiger Beliebtheit. Im Gegensatz zur Natur zeichnet sich Kultur dadurch aus, dass sie mit gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun hat, die schon deshalb nicht an der Landesgrenze aufhören, weil es seit Menschengedenken Streit zwischen verschiedenen Herrschaftsbereichen gab, der es notwendig machte, die jeweilige Wissenschaft, die jeweiligen Waffen, aber eben auch die jeweilige Kultur mindestens auf der Höhe der anderen zu halten; und weil es schon ziemlich lange Handel gab, der sich gerade mit Produkten aus der Ferne größeren Profit versprach.

Zu Zeiten, als Preußen nicht mit großen Malern für sich werben konnte, wurden alle Lehrlinge zum Studium nach Italien geschickt. Selbst der Deutschen Liebling Goethe fand eine Italienreise für seine Bildung unerlässlich. Und bis heute bezieht sich Kunst selbstverständlich auf die Werke von Rang auf der ganzen Welt. Was einzig Nationalkultur - auch europäische Quasi-Nationalkultur - sein könnte, ist hergestellt durch politischen Willen, der den Bezug auf manches unterstützt, auf anderes unterbindet - oder durch nationalistisch eingeschränkte Kulturschaffende, die ihren Blick von sich aus nur noch auf das wenden, was sich innerhalb der Grenzen abspielt.

2. Europäische Kultur hat nicht darin ihre Einheit, dass sie wirklich irgendeinen europäischen Geist widerspiegelt, sondern darin, dass sie in einem Landstrich stattfand und -findet, der heute nun einmal insgesamt Europa heißt. Schließlich ist Europa ja nicht deshalb Europa, weil sich die Menschen wegen irgendeines gleichen Fühlens oder Denkens zusammengeschlossen hätten, sondern weil die Staatspersonale verschiedener Länder in der Vereinigung einen politischen Vorteil sahen. Zwar wird der europäische Geist nicht auf die EU beschränkt, auch einem Schweizer würde wohl kaum abgesprochen, Europäer zu sein. Aber warum die Grenze hier und nicht da ist, dafür gibt es keinen Grund außer dem, dass sie irgendwann einmal von einer Herrschaft gegen andere gesetzt wurde. Schon die alte Frage, was das bayerische Oktoberfest mit der ostfriesischen Teezeremonie zu tun habe, läßt sich kaum anders beantworten, als dass willkürlich eine Grenze gezogen wurde und beides deutsch ist per Dekret.

3. Warum jemand, der in dem Landstrich geboren wurde, in dem eine Kultur stattfand, mehr von der in sich haben soll, als ein anderer, der dort nicht lebt, ist auch nicht sehr einsichtig. So sind ja die Leute, die heute in den USA leben auch zum großen Teil Nachkommen von solchen, die aus Europa ausgewandert sind und dabei eine ganze Menge mitgenommen haben, Literatur, Religion und Werkzeuge genauso wie Waffen, Hierarchien und Geld. Es gibt keinen einsichtigen Grund, warum sich die “Errungenschaften” beispielweise der Griechen eher in Deutschland als in Amerika halten sollten. Und nach dem Fall der Polis war ein Athener sicherlich auch nicht unbedingt eher in den in Griechenland entwickelten Künsten geschult als ein Römer.

4. Fraglich bleibt, wenn es schon europäische Kultur geben soll, warum gerade solche Sachen wie die große Kunst diese Kultur geprägt haben und nicht die marodierenden Teutonenhorden, die Hexenverbrennungen oder Auschwitz. Während manche Kulturfreunde hierzu gar nichts sagen, haben andere auch hier noch eine Lösung: Ja, sagen sie, natürlich gehöre auch das alles zur europäischen Kultur, und das sei auch nicht schön, aber wichtig, denn nur dadurch, dass so viel Elend und Unvernunft in Europa gewütet hat, hatten die Europäer die Chance, daraus zu lernen. So spielt es der Sache nach gar keine Rolle mehr, welche Inhalte die alte Kultur so hatte. Aus der guten kann man schöpfen, aus der schlechtem kann man lernen. Die Leute die so argumentieren, nehmen sich selbst die Möglichkeit, für die Qualität ihrer Kultur zu werben, denn scheinbar kommt es nur auf die schiere Masse von lehrreichen Ereignissen und Werken an, egal wie freundlich oder blutrünstig die waren.

5. Fraglich bleibt auch, wieviel Europa eigentlich gelernt hat, denn so toll ist es hier nun wirklich nicht. Heute demonstrieren Linke gegen Hartz IV mit der Parole “Wir sind das Volk”. Die europäische Asylpolitik errichtet eine “Festung Europa”. Wegen Auschwitz werden Bomben auf Belgrad geworfen. Die Todesstrafe gibt es hier nur deshalb nicht, weil das deutsche Staatspersonal die Bevölkerung nicht selbst entscheiden läßt. Und schließlich braucht man nicht zu glauben, dass alle, die Deutschland wegen Goethe lieben, ihn auch gelesen hätten.

6. Ein Stolz auf etwas, woran man gar keinen Anteil hatte, also auch auf eine kulturelle Tradition, ist sowieso eine sehr merkwürdige Sache - vielleicht ist Stolz überhaupt nur Produkt eines Lebens, dass immer unbefriedigt bleibt. Ganz besonders aber fragt sich, inwiefern man stolz auf eine Kultur sein kann, die in Griechenland nur durch die Schwerstarbeit der Sklaven möglich war und bis heute auf dem Rücken der Lohnarbeiter ausgetragen wird, die schon die Zeit nicht haben, geschweige denn die geistige Ruhe und Kraft, sich kulturell zu bilden. Das ist nun nicht so zu verstehen, dass wir lieber alle Kultur in den Boden gerammt sähen. Dass es Fortschritte in der Kunst und in der Wissenschaft gibt, halten wir für eine Voraussetzung jeder befreiten Gesellschaft, aber wir sind darauf nicht stolz.

*engl.: Knüppel, Keule