Jun 10 2011

Nicht alle Wege führen zum Kommunismus

Dieser Text wurde ursprünglich in der Phase 2 (39/2011) veröffentlicht:

Sagen wir, kommunistisch ist eine Gesellschaft, in der die Produktion und Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums und die Institutionen zur Aushandlung kollektiver Entscheidungen den Zweck haben, die Bedürfnisse und Wünsche aller ernst zu nehmen.
Wenn das Kommunismus sein soll, dann liegt auf der Hand, dass er nicht herrschaftlich organisiert sein kann, also nicht als ein mit Gewalt durchgesetztes gesellschaftliches Benutzungsverhältnis ist – Benutzung bedeutet nämlich gerade, die Bedürfnisse der Benutzten nicht ernst zu nehmen. Die Einrichtungen und Verkehrsformen einer solchen kommunistischen Gesellschaft existieren also nicht deshalb fort, weil sie mit einem Gewaltapparat durchgesetzt würden, sondern weil ein Großteil der Leute in dieser Gesellschaft ihren Zweck teilt. Auf kooperative Weise wollen sie mit der Tatsache umgehen, dass Menschen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse aufeinander verwiesen sind und einander ausschließende Bedürfnisse durchaus vorkommen können. KommunistInnen sind dementsprechend Leute, die sich um ihre eigenen Bedürfnisse kümmern, indem sie eine Gesellschaft einrichten (wollen), in der es um die Bedürfnisse aller und damit auch um ihre eigenen geht.
Für so eine Gesellschaft braucht es eine Menge Leute, die das so haben wollen. Sonst gibt es keinen Kommunismus – so einfach ist das. Allerdings ist umgekehrt, wenn diese Bedingung erfüllt ist, gar nicht ersichtlich, was der Einrichtung einer Gesellschaft, die diese Zwecke tatsächlich verwirklicht, eigentlich prinzipiell entgegenstehen sollte. Das ist deshalb ein so wichtiger Punkt, weil es in der landläufigen Kommunismuskritik völlig durchgesetzt ist, genauso prinzipiell zu werden Weiterlesen


Jan 21 2011

Kommunismus - eine Klarstellung

In der Öffentlichkeit gibt es gerade eine wilde Entrüstung, wie man als aufgeklärter und einigermaßen humanistisch eingestellter Mensch denn öffentlich über Wege zum Kommunismus nachdenken könne. Wir tun das auch, und denken, dass man - Scheinheiligkeit der öffentlichen Diskussion hin oder her - doch noch mal ganz klar sagen sollte: Wir wissen, was in der Sowjetunion und den anderen realsozialistischen Ländern passiert ist beim Versuch der Errichtung einer kommunistische Gesellschaft. Wir kennen den stalinistischen Terror, die Millionen Toten (unter denen nicht zuletzt zahlreiche Kommunistinnen und Jüdinnen waren), wir kennen die Gulags, und wir kennen die bürokratischen Herrschaftsapparate in den sich als realsozialistisch bezeichnenden Staaten. Das ist ganz sicher keine wünschenswerte Gesellschaft. Schon allein deshalb, weil eine Verstaatlichung der Produktion, so dass dann alle unter dem Kommando des Staates statt dem der verschiedenen Privateigentümer arbeiten, kein Schritt in Richtung einer emanzipatorischen Gesellschaft ist, sondern nur eine andere Form gesellschaftlicher Herrschaft. Insofern waren die realsozialistischen Länder auch nicht “auf halbem Wege” zu Kommunismus und haben auch keinen Schritt in die richtige Richtung unternommen.

Der Streit geht also nicht darum, ob man den autoritären Sozialismus wiederhaben möchte, sondern darum, ob jegliches Projekt einer herrschaftsfreien Gesellschaft notwendig in noch schlimmerer Herrschaft als der von Markt und liberalem Staat enden muss. Weiterlesen


Jan 20 2011

Was aber ist der Kommunismus?

Kein Gulag, keine Stasi, kein Personenkult
kein Arbeitsfetisch, keine Zwangsarbeit
keine Unterdrückung, keine Unterwerfung
kein Proletariat, kein Einheitsdress
kein Herrschaftsprotz und keine alte Leier
keine leeren Regale, keine Rituale

Kommunismus bedeutet…

Bedürfnisse befriedigen statt sie auszunutzen
Lebenszeit verschönern statt Arbeitszeit steigern
füreinander produzieren statt gegeneinander konkurrieren
mitentscheiden statt kommandiert werden
mitgestalten statt regiert werden
für Menschen statt Nationen


Sep 26 2010

Spinner, Utopisten, Antikommunisten

Gegen das Festhalten am Bilderverbot und für eine Verständigung über Kommunismus

Dieser Text wurde ursprünglich in der Phase 2 Nr.36/2010 veröffentlicht.

Wie war das noch mal damals, Mitte, Ende der neunziger Jahre? Mit dem Selbstverständnis des Teils der Linken, aus dem wir herkommen? Man war und nannte sich KritikerIn. Man nannte das sogar einen Beruf. Und der war so sehr ernst und wichtig, dass beim Aussprechen dieser Berufsbezeichnung schon mal ein Schauer über den Rücken laufen konnte. Das war schön. Die eigene objektive gesellschaftliche Irrelevanz ließ sich in eine Stärke und Überlegenheit verwandeln: Man wusste etwas, das andere, die Bürger und die, die sich nicht Kant-Hegel-Marx-Adorno, oder auch den Gegenstandpunkt »draufgeschafft« hatten, nicht wussten: dass diese Gesellschaft die falsche ist, und vor allem, warum sie das ist. Den NovizInnen in diesen Kreisen, die naiv davon ausgingen, dass Politik nicht nur mit Wissen, sondern auch etwas mit Zwecken zu tun hat, und die absurde Frage stellten: »Was eigentlich wollt ihr denn?«, wurden Texte zu der Frage angedreht, ob und wie in Marx’ Kritik der politischen Ökonomie, Analyse und Kritik unmittelbar identisch sind. Dass es sich bei der Kritik schon um den ganzen und einzigen Zweck handelte, stand nicht im Ernst zur Debatte.
Die Sache mit dem Selbstverständnis sieht anders aus, wenn man nicht in erster Linie etwas anderes als der Rest der Welt weiß (das auch noch Niveau hat!), sondern vor allem etwas anderes als der Rest der Welt will. Weiterlesen


Jun 13 2010

“Wer macht denn dann die ganze Arbeit…?”

Diskussionsveranstaltung am Donnerstag 17.Juni 19:30 Uhr
im New Yorck, Mariannenplatz 2, Berlin-Kreuzberg

“Nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste
Lebensbedürfnis geworden”, erst dann kann sich nach der Vorstellung von
Marx “die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: jeder nach seinen
Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!” Solange sich nicht
genügend Leute finden, denen die zur Güterproduktion notwendige Arbeit
auch richtig Spaß macht, solange stellen sich in einer Gesellschaft, in
der für die Bedürfnisse aller produziert wird, Fragen nach der Regelung
der Arbeits- und Güterverteilung. Wir möchten an diesem Abend einige
prinzipielle Ansätze, wie damit umgegangen werden kann, besprechen und
diskutieren, welche politischen Implikationen sie jeweils haben. Weiterlesen


Mai 10 2010

We Love the Crisis!

Antikapitalistischer Workshoptag
Samstag, 5. Juni 2010

10.30 bis 22 Uhr
SFE im Mehringhof (Gneisenaustraße 2a, Berlin-Kreuzberg)

Von [paeris] wird es von 16-19 Uhr einen Workshop geben zur

Hegemonie des Antiutopischen

Linksradikale Positionen sind gesellschaftlich so marginalisiert, dass
sich nicht einmal in der Krise von ihnen abgegrenzt werden muss. Linke,
die von diesem Problem ausgehen, ziehen oft den Schluss, Mehrheiten zu
suchen, mit denen man wenigstens irgend etwas gemeinsam hat. Daran
wiederum wird kritisiert, dass der politische Erfolg, und wenn es nur
die öffentliche Wahrnehmbarkeit ist, mit der Aufgabe inhaltlicher
Positionen erkauft ist. Dennoch kann man an dem Kriterium, als
Alternative überhaupt wahrgenommen zu werden, nicht vorbei, wenn man
Politik nicht aufs Rechthaben beschränken möchte. Welche Schlüsse man aus diesem Dilemma ziehen kann, möchten wir gern diskutieren.


Mai 9 2010

Übergangsgesellschaft, quo vadis?

Diskussionsveranstaltung am Donnerstag 20.Mai 19:30
im New Yorck, Mariannenplatz 2, Berlin-Kreuzberg

Eine Gesellschaft, in der alle aus Vernunft, also aus Einsicht in die Vorteile kooperativer, arbeitsteiliger, planwirtschaftlicher Reproduktion, am gesellschaftlichen Arbeitsprozess teilnehmen und dabei ihre Bedürfnisse ohne jedes Mangelempfinden befriedigen können, setzt sowohl ein verallgemeinertes politisches Bewusstsein als auch ein Produktionspotential voraus, das momentan vielleicht nicht gegeben ist. Wer so etwas anstrebt, muss dann auch von irgendeiner gesellschaftlichen Entwicklung ausgehen, die dorthin führt. Darüber will aber niemand reden: „Ach so, Ihr meint die Übergangsgesellschaft, ja gut…“

Ist es sinnvoll, die Frage der politischen und ökonomischen Organisation, wie sie gleich nach Vergesellschaftung der Produktionmittel aussehen soll, so stiefmütterlich zu behandeln oder gleich Stalinisten zu überlassen, weil man ohnehin davon ausgeht, dass dann noch Repression und Arbeitszwang notwendig sein werden? Wird eine so organisierte „Übergangsgesellschaft“ überhaupt einen Übergang zu etwas anderem schaffen? Weiterlesen


Mär 8 2010

Parecon

Veranstaltung zum Thema „Partizipative Ökonomie“ am 18.3.2010, 19:30 bis 22:00 Uhr im New Yorck

Wie könnte eine nicht-kapitalistische Gesellschaft, in der frei Assoziierte gemeinsam über die Bedingungen ihrer Reproduktion verfügen, aussehen? Wie werden die Entscheidungen über Produktion, Verteilung und Konsum getroffen? Wie werden Pläne erstellt? Gibt es weiter Arbeitsteilung, und welche? Nach welchen Kriterien und wie werden Güter an Individuen zugeteilt? Weiterlesen


Feb 13 2010

No idea?!

Eine Diskussionsreihe über Konzepte befreiter Gesellschaft
Veranstaltet von [pæris] und Plan E

Von Februar bis Juli an jedem dritten Donnerstag im Monat von 19:30 bis 22:00 Uhr im New Yorck, Mariannenplatz 2 in Kreuzberg, 10997 Berlin (Lageplan) Weiterlesen


Nov 19 2009

Was ist denn daran auszusetzen?

Tagesseminar zu Arbeit, Kapitalismus und politischer Kritik

am 06.02.2010 in Berlin

Ökonomische Herrschaft ist ein ziemlich altes Geschäft, das entgegen landläufiger Meinung auch mit der Einrichtung bürgerlicher Freiheit und Gleichheit nicht verschwunden ist - ganz im Gegenteil. Allerdings änderte sich mit der Durchsetzung kapitalistischer Produktion die Organisationsform der Verfügung über fremde Arbeit.

Uns geht es auf dem Seminar weniger darum, akademisch zu klären, wie Kapitalismus, seine historischen Entwicklungen und seine Krisen im Einzelnen zu erklären sind. Uns geht es um die Frage, was genau man eigentlich am Kapitalismus, dieser gesellschaftlichen Organisation von Arbeit, kritisieren würde. Weiterlesen