Nicht alle Wege führen zum Kommunismus

Dieser Text wurde ursprünglich in der Phase 2 (39/2011) veröffentlicht:

Sagen wir, kommunistisch ist eine Gesellschaft, in der die Produktion und Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums und die Institutionen zur Aushandlung kollektiver Entscheidungen den Zweck haben, die Bedürfnisse und Wünsche aller ernst zu nehmen.
Wenn das Kommunismus sein soll, dann liegt auf der Hand, dass er nicht herrschaftlich organisiert sein kann, also nicht als ein mit Gewalt durchgesetztes gesellschaftliches Benutzungsverhältnis ist – Benutzung bedeutet nämlich gerade, die Bedürfnisse der Benutzten nicht ernst zu nehmen. Die Einrichtungen und Verkehrsformen einer solchen kommunistischen Gesellschaft existieren also nicht deshalb fort, weil sie mit einem Gewaltapparat durchgesetzt würden, sondern weil ein Großteil der Leute in dieser Gesellschaft ihren Zweck teilt. Auf kooperative Weise wollen sie mit der Tatsache umgehen, dass Menschen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse aufeinander verwiesen sind und einander ausschließende Bedürfnisse durchaus vorkommen können. KommunistInnen sind dementsprechend Leute, die sich um ihre eigenen Bedürfnisse kümmern, indem sie eine Gesellschaft einrichten (wollen), in der es um die Bedürfnisse aller und damit auch um ihre eigenen geht.
Für so eine Gesellschaft braucht es eine Menge Leute, die das so haben wollen. Sonst gibt es keinen Kommunismus – so einfach ist das. Allerdings ist umgekehrt, wenn diese Bedingung erfüllt ist, gar nicht ersichtlich, was der Einrichtung einer Gesellschaft, die diese Zwecke tatsächlich verwirklicht, eigentlich prinzipiell entgegenstehen sollte. Das ist deshalb ein so wichtiger Punkt, weil es in der landläufigen Kommunismuskritik völlig durchgesetzt ist, genauso prinzipiell zu werden: Kommunismus, obschon eine schöne oder, je nach politischer Herkunft der KritikerInnen, eine von vornherein schon unschöne »Idee«, führe zwangsläufig in Elend, Leid, Unfreiheit, Unterdrückung des Individuums, Überwachung und Terror. Das habe schon die Geschichte gezeigt. Aber weil die Zeiten, in denen man an notwendige Entwicklungen der Geschichte glaubte, irgendwie vorbei sind, gibt es noch einen ewig gültigen Beweis dazu in Form einer anthropologischen Erklärung: Die Menschen sind eben nicht so – d.h. sie sind egoistisch und individualistisch. Und weil Kommunismus irgendwie auf Kollektivität setzt, denn er stört sich ja am Privateigentum, beißt sich das mit der Menschennatur und man muss sie unterdrücken. Und Egoismus und Individualismus beißen sich auch mit dem ökonomischen Mittel, das diese AntikapitalistInnen im vergangenen Jahrhundert schon ausprobiert haben: der zentralen Produktionsplanung, die den egoistischen Innovationsgeist nicht nutzen kann und wegen der Komplexität der modernen Produktion nur leere Regale mit Einheitsbrei hinbekommt.
Aber eins nach dem anderen. Fangen wir mit dem Grundsätzlichen an: Wenn Egoismus heißen soll, dass Menschen Bedürfnisse haben und entwickeln und sich in ihrem Handeln, wie verquer auch immer, bemühen, diese zu befriedigen oder zumindest einen guten Umgang mit ihrer Nichtbefriedigung zu finden, dann müssen wir feststellen, dass eine kommunistische Gesellschaft dazu außerordentlich gut passen würde, da es ihr ja schlechthin um Bedürfnisbefriedigung geht. Soll Egoismus dagegen heißen, dass Menschen die eigene Bedürfnisbefriedigung grundsätzlich der anderer vorziehen, dann findet mensch nicht nur lauter Gegenbeispiele, sondern muss auch darauf hinweisen, dass es genau diese Wahl zwischen zwei schlechten Alternativen ist, die im kapitalistischen Privateigentum und der dazugehörigen Konkurrenz zum gesellschaftlichen Prinzip erhoben ist: die Befriedigung eigener Bedürfnisse durch Ausnutzung der Bedürfnisse anderer oder das eigene Zukurzkommen und Ausgenutztwerden.
Aber wenn schon anthropologische Verallgemeinerungen, dann finden wir spezifisch an Menschen, dass sie sich in ihrem Handeln gerade nicht einfach unmittelbar auf ihre Bedürfnisse beziehen, sondern, dass sie sich Zwecke setzen, Pläne machen, Ziele anvisieren, Mittel ersinnen, herstellen und benutzen, mit deren Hilfe sie umsetzen, was sie sich vorgenommen haben. In der Weltwahrnehmung, die sich anhand einer ereignisorientierten Medienindustrie manchmal einstellt, geht leicht unter, dass in der Welt der Menschen wenige Dinge einfach passieren, weil sie sich halt so ergeben, und viele, weil überall Zwecke am Werk sind. Wenn die Mittel verfügbar sind, gibt es erst einmal wenig, was der Erreichung von Zwecken entgegensteht, außer eben entgegengesetzten Zwecken.
Die ganze materielle Produktion ist zweckmäßige Bearbeitung der Natur: Da wird eine Autofabrik mit ihren Montagebändern aufgebaut, da stürzt nichts ein, da fügt sich alles zusammen, da werden ArbeiterInnen eingewiesen, die Autoteile zusammenmontiert, und am Ende kommen fahrbare Autos heraus. Vielleicht nicht auf Anhieb. Aber heraus kommt eben doch, was von vornherein herauskommen sollte. Da wird nichts dem Zufall überlassen, die Natur wird in planmäßiger Weise auf dem Stand der Produktivkraft angeeignet und den Zwecken der Menschen gemäß gemacht.
Liegt diese Autofabrik wie in der jetzigen Gesellschaft als Kapital vor, dann wird es etwas komplizierter, weil der sie organisierende Zweck dann nicht einfach die Herstellung benötigter funktionierender Fahrzeuge ist. Der organisierende Zweck ist dann der Profit des Unternehmens. Die Erfüllung dieses Zwecks bemisst sich nicht daran, dass sich Leute mit diesen Autos schnell durch die Landschaft bewegen können und alles dran ist, was sonst noch ein Auto bedürfnisgemäß macht. Sie bemisst sich daran, dass die Autos AbnehmerInnen finden, die soviel dafür bezahlen, dass am Ende, gemessen an der Investition, ein Geldüberschuss für das Unternehmen herausspringt. Und das Erreichen dieses Zwecks findet seine Schranke nicht nur an der Zahlungskraft derjenigen, die Bedarf an den Produkten haben, sondern auch am Zweck der konkurrierenden Unternehmen. Denen ist es eventuell gelungen, mit noch niedrigeren Preisen die AbnehmerInnen der Autos für sich zu gewinnen und trotzdem Profit zu machen. Wenn im Kapitalismus ein Automobilhersteller »scheitert«, dann nicht, weil er keine brauchbaren Automobile hinbekommt, sondern er scheitert an seinem Zweck, dies profitabel zu tun. Das heißt in der Regel, er scheitert aufgrund der seinem Zweck zuwiderlaufenden (und doch identischen) Zwecke seiner erfolgreicheren KonkurrentInnen, die ihn niederkonkurriert haben.
Das kapitalistische Unternehmen kauft und benutzt die Arbeitskraft von Lohnabhängigen als Mittel für seinen Zweck. Diesen bleibt bekanntermaßen innerhalb einer solchen Gesellschaft nichts übrig, als sich auf dieses Benutzungsverhältnis einzulassen, um Zugriff auf Mittel zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu bekommen. Leute lassen sich kommandieren und ausbeuten, weil das in dieser Gesellschaft die Bedingung für ihren Lebensunterhalt ist, wenn sie nicht selbst Kapital in größeren Mengen besitzen. Aber was sollte, prinzipiell, die Menschen daran hindern, ihre Arbeitstätigkeit den gemeinsamen Zweck einer bedürfnisorientierten Produktion zu geben und kooperativ herzustellen, was gebraucht wird? Oder, individuell, sich an der Produktion zu beteiligen, weil es gebraucht wird, und dementsprechend zu bekommen, was mensch selbst braucht? Dem stehen ernsthaft nur andere Zwecke entgegen, in erster Linie gewaltgestützte Zwecke, die eine andere Verwendung der Naturressourcen, der Arbeitskraft und der schon vorhandenen Arbeitsmittel vorsehen und durchsetzen.
Das soll nicht heißen, sich die gesellschaftliche Realisierung des Zwecks des bedürfnisorientierten Einsatzes der Arbeit als harmonischen Vorgang ohne Widrigkeiten zu denken. Da können schon Abwägungen nötig werden zwischen Bedürfnissen, für deren Befriedigung gearbeitet werden muss, und dem Bedürfnis nach Muße, also dem Bedürfnis, diese Arbeiten nicht zu machen. Da können Streits über die Entwicklung der Infrastruktur oder die Gestaltung des Stadtbilds aufkommen. Oder auch noch prinzipieller darüber, welche Entscheidungsverfahren denn am besten geeignet sind, die Bedürfnisse aller zu berücksichtigen. Auch die gesamtgesellschaftliche Ermittlung der Bedürfnisse und Koordination der Produktion, die Planung von Produktionsketten und -kreisläufen halbwegs reibungslos hinzukriegen, ist wirklich keine triviale Aufgabe. Es ist eine Aufgabe, die erst in der modernen Informationstechnologie ein adäquates Mittel hat. Was wiederum nicht bedeutet, dass es davor gar keine brauchbaren Mittel für eine bedürfnisorientierte Produktionsplanung gegeben hätte.
Es sind zunächst einmal zwei verschiedene Fragen, ob ein Zweck überhaupt erfüllt wird und wie gut er erfüllt wird, also wie tauglich die verfügbaren Mittel sind. Wenn beispielsweise die Koordination der Produktion nicht so gut klappt und deswegen an einigen Stellen zu viel und an anderen zu wenig produziert wird, dann ist das vielleicht ärgerlich wegen der unnütz aufgewandten Arbeit. Es bedeutet aber nicht, dass das, was bei der Produktion an Brauchbarem herauskommt, nicht zweckmäßig ist. Wenn tatsächlich Bedürfnisbefriedigung der Zweck der Produktion war, dann bemisst sich seine Erfüllung nicht an der Qualität der aufgewandten Mittel, sondern eben daran, ob die Bedürfnisse befriedigt werden können.
Und wenn nun aber die vorhandenen Mittel wirklich nicht taugen? Dann gibt es immer noch keine Notwendigkeit, den Zweck aufzugeben. Das kann mensch natürlich machen und sich andere Zwecke setzen, für die die Mittel schon da sind, aber mensch kann auch an seinem Zweck festhalten und nach tauglichen Mitteln suchen. Das ist eine Entscheidung, und nichts daran ist zwangsläufig. Ebenso wenig wie die Suche nach den Mitteln zwangsläufig oder auch nur naheliegenderweise die Zwecke »pervertiert«, wie der Werdegang der BolschewistInnen und überhaupt die »Dialektik« der kommunistischen »Idee« gerne vorgestellt wird. Wenn die Mittel den vermeintlichen Zwecken geradezu entgegenstehen, sollte eher der Verdacht nahe liegen, dass die Zwecke tatsächlich andere sind als gedacht. Wer Herrschaft abschaffen möchte, richtet keine ein; wer will, dass es um Bedürfnisse gehen soll, schließt nicht Leute aufgrund mangelnder Kaufkraft systematisch von den Mitteln ihrer Befriedigung aus; wer will, dass andere Menschen kommunistische Zwecke teilen, versucht sie zu überzeugen und nicht umzuerziehen – zumal das Ernstnehmen von Bedürfnissen schon eine Kritik an Erziehung überhaupt, nämlich dem darin enthaltenen Paternalismus, einschließt.
Wie verhalten sich jetzt all die dem Realsozialismus entnommenen Horrorvorstellungen über »den« Kommunismus zum kommunistischen Zweck? Zunächst: Es sind nicht Kollektive, die Bedürfnisse haben, sondern Individuen. Und Bedürfnisse sind nicht einfach ein Bedarf, den mensch von außen bestimmen kann – selbst Empathie hat ihre Grenzen –, sondern Bedürfnisse müssen artikuliert werden von den Individuen, die sie haben.
Dies vorausgesetzt und ernst genommen, wieso sollte mensch darauf verfallen, Disziplin in der Arbeit zu fordern und den Kollektivgeist der Mitmenschen anzurufen? Eine solche Moral mag ein funktionales Mittel gewesen sein für das herrschaftliche Projekt, die nationale Produktivität zu steigern. Aber gemeinschaftlicher Arbeits- und Anpassungsdruck sind das Gegenteil der offen und ernst gemeinten Frage: Bist du bereit für die Bereitstellung von mehr Produkten, die Entwicklung zukünftiger Arbeitsersparnis oder neuer Infrastrukturprojekte etwas mehr zu arbeiten? Erst recht – wie käme mensch darauf, wie in China, einen Einheitslook zu fordern? Das fördert die soziale Kontrolle und mag vielleicht sogar eine Arbeitsersparnis bedeuten, aber es dient sicher nicht der Befriedigung individueller Bedürfnisse. Stattdessen wären doch die Einzelnen zu fragen, wie die Kleidung aussehen soll, die sie jeweils gern tragen möchten. Einer zentralen Planungskommission, die den Bedarf der von ihr verwalteten Bevölkerung bestimmt und sich eben darum sorgt, muss das nicht sonderlich wichtig sein. Aber eine Gesellschaft mit dem Zweck der Bedürfnisbefriedigung, die über Internet und flexible automatisierte Fertigungsanlagen verfügt, wie käme die darauf, diese Mittel nicht für die Berücksichtigung diversifizierter und individueller Produktwünsche zu benutzen?
Und aus welchem Grund würde man sich dagegen entscheiden wollen, die materielle Reichtumsproduktion zu maximieren und Arbeitswütige als HeldInnen zu feiern? Nun ja, weil Arbeitsschutz nett ist, weil Reinhauen und Monotonie schon auch ätzend sein können und weil viele vielleicht doch nicht durch Arbeit glückselig werden, sondern noch anderes mit ihrem Leben vorhaben. Bedürfnisorientiert wäre, abwägen zu können zwischen Arbeitsaufwand, der vielleicht keinen Spaß macht, dessen Produkte aber Bedürfnisse befriedigen, und der freien Verfügung über die eigene Lebenszeit.
Wenn hingegen durch eine von »oben« verordnete Planvorgabe eine bestimmte herzustellende Produktmenge festgelegt wird, liegt es nicht so fern, sich als Arbeitsvolk dem gegebenenfalls durch Herstellung der vorgeschriebenen Menge in minderer Qualität zu entziehen, um sich Arbeit zu ersparen und die eigene Lebensqualität etwas zu verbessern. Wenn nun eineR aber genau zu dem Zweck arbeitet, Gebrauchswerte herzustellen, eben weil sie gebraucht werden? Ist doch klar, dass da die Qualität eine Rolle spielt, weil das Produkt brauchbar sein soll.
Die Realsozialist(Innen?) hielten es für eine gute Idee, in ihre staatlich gelenkte Ökonomie »Hebel« zur Anhebung der Arbeitsbereitschaft und damit des nationalen Reichtums einzuführen. In diesen Anreizsystemen, die noch dazu gegensätzliche Interessen von Arbeitenden, Betriebsleitung und Planungskommission geschaffen haben, steckt schon das Benutzungsverhältnis, das einem gemeinsamen Zweck widerspricht. Dies und die Idee der RealsozialistInnen, sich an kapitalistischen Kategorien wie Produktivkraftsteigerung und Weltmarkterfolg zu orientieren und gerade darin die Überlegenheit der gesamtgesellschaftlichen Planung über die zerstückelte Produktionsplanung von PrivatproduzentInnen zu beweisen, macht es etwas schwierig einzuschätzen, inwieweit ihre Planungsmittel und -methoden auch für bedürfnisorientierte Zwecke tauglich oder untauglich gewesen wären. Jedenfalls sind sie auch an informationstechnische Grenzen bei der Planung von Produktionsketten und deren Verflechtung gestoßen. Allerdings ist es wohl safe zu behaupten, dass sich auf der Ebene der Mittel die Lage seitdem recht grundsätzlich geändert hat, auch wenn qualifizierte Einschätzungen des Potenzials der gegenwärtigen Weltrechenpower für eine gesamtgesellschaftliche bedürfnisorientierte Produktionsplanung weitgehend fehlen.
Und zur Unterdrückung: Wie käme mensch darauf, wenn es um die Befriedigung von Bedürfnissen gehen soll, Leute am Reisen oder Umziehen zu hindern, wenn diese nicht gerade den Plan gefasst haben andere zu schädigen? Dass Leute gerne reisen, ist umgekehrt Grund genug, die dafür nötigen Mittel herzustellen. Und wenn Leute mit neuen Ideen oder anderen Bedürfnissen zurückkommen? Was wäre denn schlimm daran? Wie käme mensch gar darauf, Leute mit ihren Gedanken nicht ernst zu nehmen oder sogar einzusperren, wenn sie Kritik üben, statt das zum Anlass zu nehmen zu prüfen, ob manche Bedürfnisse vielleicht noch unten durchfallen, obwohl sie anderen nicht grundsätzlich widersprechen.
Bedürfnisse können natürlich kollidieren. Damit muss ein Umgang gefunden werden. Nur es in der Weise zu »lösen«, prinzipiell die Willkür der einen Individuen über die anderen walten zu lassen, widerspricht dem Ernstnehmen der Einzelnen. Das gilt für die Willkür der privaten Verfügung über Produktionsmittel und Arbeitskräfte ebenso wie für die Monopolisierung der Entscheidungsmacht in einer Gesellschaft. Die Notwendigkeit von Institutionen zur Lösung von Konflikten und zum Finden von Entscheidungen, die die Gestaltung des Gemeinwesens betreffen, ergibt sich aus der prinzipiellen Möglichkeit, dass Bedürfnisse in Gegensatz geraten können. Nur ist es auch ein Unterschied ums Ganze, ob ModeratorInnen und MediatorInnen gebeten werden, Aushandlungen zu organisieren; Entscheidungsverfahren danach beurteilt werden, ob es gelingt, die Gründe und Willen der Einzelnen zu berücksichtigen; Leute damit beauftragt werden, Entscheidungsvorschläge möglichst transparent und nachvollziehbar aufzubereiten, damit wirklich alle Betroffenen in den gesellschaftlichen Entscheidungen vorkommen können, oder ob eine durch Verfügung über einen eigenen Gewaltapparat verselbstständigte Institution Souveränität über Land und Leute ausübt und jede Einbindung der Regierten der Willkür dieser Institution vorbehalten bleibt.
Wenn am Realsozialismus kritisiert wird, dass es sich um eine Einparteien-Herrschaft gehandelt hat, dann ist das Problem an dieser Kritik nicht die Ablehnung von Herrschaft, sondern die Vorstellung, die Herrschaft bestünde darin, dass es nur eine Partei zur Auswahl gab. Für eine kommunistische Gesellschaft braucht man keine neuen Menschen, schon gar keine zum Sozialismus erzogenen, sondern Leute, die sich nicht erziehen lassen wollen, die unterscheiden können zwischen einerseits dem Eingehen von Kompromissen durch die Relativierung der eigenen Bedürfnisse an denen anderer, und andererseits der Unterwerfung eigener oder fremder Bedürfnisse. Das Tragische am bürgerlichen ebenso wie am parteihörigen sozialistischen Bewusstsein ist, dass es sich die eigene Unterwerfung als Kompromiss im eigenen Interesse verklärt. Es ist verbreitet, in bestehende Institutionen einen anderen Zweck hineinzudenken, als sie tatsächlich haben. Mensch kann das prüfen durch Nachdenken darüber, erstens ob es nicht massenhafte Folgen dieser institutionellen Mittel gibt, die dem vermeintlichen Zweck geradezu entgegengesetzt sind, und zweitens ob einer nicht Einrichtungen einfallen, die dem Zweck viel besser entsprächen. Wer meint, die Marktwirtschaft hätte die Aufgabe, die Güter, die gebraucht werden, zu produzieren, müsste sich eigentlich daran stoßen, dass zehntausende Menschen täglich an Hunger sterben, obwohl problemlos genügend Nahrung für die gesamte Weltbevölkerung hergestellt werden kann. Wer meint, der Sozialstaat wäre da, um Leuten zu helfen, die vom Kapital nicht gebraucht werden, müsste sich fragen, warum diese Leute so spärlich abgespeist, auf dem Amt getriezt und bei Nichtunterwerfung mit Entzug der »Unterstützung« bestraft werden.
Nun gut, wenn mensch mal zugibt, dass nichts Notwendiges an den fürchterlichen Entwicklungen der realsozialistischen Staaten ist, sondern sich da bestimmte Leute mit bestimmten Politikansätzen und bestimmten Entscheidungen durchgesetzt haben, während andere ignoriert, verbannt, umgebracht wurden, gibt es nicht doch gute Gründe für die Grausamkeiten, die im Namen des Kommunismus verübt wurden? Ist es nicht möglicherweise rational, kommunistische Zwecke zu suspendieren, wenn die Bedingungen für ihre gesellschaftliche Verwirklichung (noch) nicht gegeben sind, und alles daran zu setzen, diese Bedingungen herzustellen, auch wenn mensch dazu Mittel benutzt, die kommunistischen Zwecken widersprechen? Also ArbeiterInnen vernutzen, damit sie in Zukunft nicht mehr vernutzt werden; eine Herrschaft einrichten, damit in Zukunft Herrschaft abgeschafft wird; Klassenjustiz ausüben, damit es in Zukunft keine Klassenjustiz mehr gibt? Allgemein kann mensch schon Dinge machen, an denen ihm nichts liegt oder die ihm nicht gefallen, um etwas anderes zu erreichen. So ist das mit Mitteln. Aber im Mittel ist der Zweck gerade nicht suspendiert. Und der kommunistische Zweck ist keiner, der entweder gesellschaftlich durchgesetzt ist oder sonst gar keinen Sinn hätte. Bedürfnisse ernst nehmen kann man, wenn auch mit größeren Schwierigkeiten, auch dann, wenn Produktion und gesellschaftliche Institutionen (noch) nicht nach diesem Zweck organisiert sind. Staatliche Politik damit zu rechtfertigen, dass das irgendwann zum Kommunismus führt, ohne klar zu sagen, was mensch darunter genauer versteht und wie mensch sich den Weg dahin vorstellt, was die Kriterien dafür sind, dem Ziel näher zu kommen, und vor allem, ohne die Betroffenen zu fragen, ob sie die Entbehrungen überhaupt sinnvoll finden und mittragen wollen, das bedeutet, den Zweck zu suspendieren, wenn es denn ein kommunistischer gewesen sein sollte. Wer die Staatsmacht übernimmt und keine ernsthaften Bemühungen anstellt, den Staat und die damit verbundene Herrschaft aufzulösen, sondern von einem ominösen Absterben des Staates spricht, das sich irgendwann schon einstellen werde, kann nicht glaubwürdig von sich behaupten, einen kommunistischen Zweck zu verfolgen, es sei denn, Kommunismus hätte eben eine andere Bedeutung. Und so fraglich grundsätzlich schon die Entscheidung der BolschewistInnen war, sich überhaupt auf staatliche Herrschaft einzulassen, wäre es ja selbst darin durchaus möglich gewesen, Bedürfnisse ernster zu nehmen und Leute von kommunistischen Zwecken zu überzeugen, statt die Segnungen des Sozialismus zu rühmen; Zwecke, Mittel und Kritik transparent und angstfrei zu diskutieren, Hierarchien abzubauen, Unterwerfung zu kritisieren, statt den Mythos des guten Führers zu fördern.
Und soviel bleibt uns auch unter kapitalistischen Bedingungen: Leute für den kommunistischen Zweck gewinnen, auf den dazu im Widerspruch stehenden Zweck kapitalistischer Produktion aufmerksam machen, uns Gedanken über Verfahren und Institutionen machen, die wirkliche Mittel des gesellschaftlichen Ernstnehmens von Bedürfnissen wären, und in dem bescheidenen Rahmen, den uns die widrigen Bedingungen lassen, unser Leben und unsere Beziehungen zu anderen so einzurichten, dass Bedürfnisse artikuliert und ausgehandelt werden können.


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