Kommunismus - eine Klarstellung

In der Öffentlichkeit gibt es gerade eine wilde Entrüstung, wie man als aufgeklärter und einigermaßen humanistisch eingestellter Mensch denn öffentlich über Wege zum Kommunismus nachdenken könne. Wir tun das auch, und denken, dass man - Scheinheiligkeit der öffentlichen Diskussion hin oder her - doch noch mal ganz klar sagen sollte: Wir wissen, was in der Sowjetunion und den anderen realsozialistischen Ländern passiert ist beim Versuch der Errichtung einer kommunistische Gesellschaft. Wir kennen den stalinistischen Terror, die Millionen Toten (unter denen nicht zuletzt zahlreiche Kommunistinnen und Jüdinnen waren), wir kennen die Gulags, und wir kennen die bürokratischen Herrschaftsapparate in den sich als realsozialistisch bezeichnenden Staaten. Das ist ganz sicher keine wünschenswerte Gesellschaft. Schon allein deshalb, weil eine Verstaatlichung der Produktion, so dass dann alle unter dem Kommando des Staates statt dem der verschiedenen Privateigentümer arbeiten, kein Schritt in Richtung einer emanzipatorischen Gesellschaft ist, sondern nur eine andere Form gesellschaftlicher Herrschaft. Insofern waren die realsozialistischen Länder auch nicht “auf halbem Wege” zu Kommunismus und haben auch keinen Schritt in die richtige Richtung unternommen.

Der Streit geht also nicht darum, ob man den autoritären Sozialismus wiederhaben möchte, sondern darum, ob jegliches Projekt einer herrschaftsfreien Gesellschaft notwendig in noch schlimmerer Herrschaft als der von Markt und liberalem Staat enden muss. Und ob man deswegen besser gar nicht über Alternativen zur bestehenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung nachdenken sollte.

Leben wir tatsächlich schon in der besten allen möglichen Gesellschaften? Das fällt selbst entschiedenen Anti-Kommunisten schwer zu glauben. Verbesserungsvorschläge und Beschwerden werden in großer Menge geäußert, und je später der Abend und je mehr Eckkneipe, desto entschiedener. Die entscheidende Frage nach den Ursachen der beklagten Missstände von Armutslöhnen über Wirtschaftskrisen, die eigene Bedeutungslosigkeit und die Wirkungslosigkeit von Besserungsversprechen der Politik wird allerdings selten gestellt, vor allem selten ernsthaft gestellt. Dass mit der marktwirtschaftlichen Ordnung ein Mechanismus installiert ist, der notwendig Konkurrenz (und damit Konkurrenzverlierer!), Armut und Ausbeutung als seine Funktionsbedingungen hervorruft - das kann nicht sein, weil das nicht sein darf. Denn wenn man darüber nachdenken würde, das abzuschaffen - es durch eine kooperative Art des miteinander Wirtschaftens zu ersetzen - wäre man dann nicht beim Nachdenken über eine (man traut es sich kaum laut zu sagen) kommunistische Gesellschaft?

Eine Gesellschaft, die auf Konkurrenz der Menschen unter einander und auf Ausschluss durch Privateigentum beruht, sei aber - praktische Erkenntnis der herrschenden Wirtschaftswissenschaft - die dem Menschen gemäße Form, die gesellschaftliche Arbeitsteilung zu regeln. Eine kooperative Art, gesellschaftlich die Befriedigung der Bedürfnisse aller zu organisieren, müsse notwendig gegen die Menschen durchgesetzt werden, und also Herrschaft, eine noch schlimmere als die von Markt und Kapital, hervorbringen.

Warum soll eine kooperative Gesellschaft nur gegen die Interessen der Einzelnen möglich sein? Warum sollen sich die Menschen nicht einigen können, ihre Gesellschaft anders als über Markt und Eigentum zu organisieren, wenn die Mehrzahl der Menschen sich einig wäre, dass es völlig absurd und menschenunwürdig ist, die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen von deren Erfolg in der Konkurrenz untereinander abhängig zu machen, einer Konkurrenz, die mit Notwendigkeit Verlierer produziert, die mit Armut, Sorgen um ihre Existenzsicherung, Ausgrenzung vom gesellschaftlichen Leben, schlechter Bildung, schlechterer Gesundheit und der Beschimpfung als faule Unterschicht für diese angeblich so raffinierte gesellschaftliche Einrichtung zahlen müssen. Und selbst die vermeintlichen Gewinner, denen es materiell halbwegs gut geht, zahlen mit Erschöpfung bis zum Burnout, Zeitmangel, armseligen zwischenmenschlichen Beziehungen und einer quälenden Sinnlosigkeit. Selbst wenn man sich also einig wäre, dass es anders gehen muss und gehen soll, selbst dann soll es nicht möglich sein? Warum nicht?

  • Weil Menschen nicht dazu fähig sind, sich kooperativ zu verhalten, weil sie von ihrer Natur (und natürlich nicht den gesellschaftlichen Konkurrenzmechanismen!) dazu getrieben werden sich egoistisch und rücksichtslos gegen andere zu verhalten, und deswegen alle anderen immer über den Tisch zu ziehen versuchen würden? (Oder war es nicht doch gerade die raffinierte Idee, die Gesellschaft so einzurichten, dass sich strecken muss, wer an die Trauben kommen will, und deswegen alle am Fuß des Weinstocks schubsen und drängeln, um ihren Teil abzubekommen?)
  • Kann man sich gar nicht vorstellen, dass sich Menschen vernünftig überlegen könnten, was sie gemeinschaftlich herstellen wollen, wenn ihnen nicht der Markt oder der Staat sagen, was sie brauchen und wollen? Kann man Leute im Zeitalter von Internet und Versandservices nicht einfach fragen, was sie brauchen? Oder glaubt einer, dann würden alle nur Playstations und Videorekorder bestellen, und vergessen, dass auch Nahrungsmittel, und zwar nicht nur Schokolade, hergestellt werden sollten? Und würden dann letztlich alle vor ihren Playstations verhungern müssen? (Dass Leute ihren Bedarf halbwegs planen können, zeigen sie zum Glück auch immer, wenn sie aus dem Supermarkt mit Brot und Wurst und Saft zurückkommen und nicht wieder nur Kaugummis und Rennautos eingekauft haben.)
  • Oder vielleicht weil man sich nicht vorstellen kann, wie eine Einigung zwischen 7 Milliarden Menschen konkret stattfinden kann, so dass tatsächlich alle mit ihren Bedürfnissen in der gesellschaftlichen Planung Berücksichtigung finden? Dann wäre das allerdings ein Grund sich genau über solche Formen Gedanken zu machen, zu diskutieren und zu experimentieren, und keineswegs Grund, die Frage nicht zu stellen!

Seltsamerweise will kaum eine der entschiedenen Kritikerinnen des Realsozialismus und Stalinismus Genaueres über die Ursachen des Scheiterns wissen. Wie kommt es denn, dass aus einer emanzipatorischen Idee, die Gesellschaft um die Befriedigung der Bedürfnisse aller und um Selbstbestimmung zu errichten, eine brutale Herrschaft wird? Der Zusammenhang wird als selbstverständlich oder zumindest naheliegend unterstellt, und muss deshalb nie ausgeführt und auch nie historisch untersucht werden.

Würde man sich tatsächlich für diese Zusammenhänge interessieren, könnte einem eine Menge auffallen am “Befreiungskonzept” der realsozialistischen Kommunistischen Parteien. Ein historischer Fortschritt zu einer “höheren” Gesellschaftsordnung, der sich unaufhaltsam durchsetzt, und den man nur auszuführen habe? Wer sich da dem historischen Fortschritt in den Weg stellt, und sei es nur mit abweichenden Ansichten (”Will der vielleicht auf den falschen Weg führen?”) oder einem “fortschrittsverzögernden” Diskussionsbedarf, der ist schnell Feind des historischen Fortschritts, und deswegen für den Weg zum Sozialismus aus dem Weg zu räumen. Auch könnte einem auffallen, dass die Partei extrem hierarchisch organisiert war und dass, wer nicht in der Nähe des Politbüros war, die Beschlüsse der Genossen Führungsspitze, die in engerem spirituellen Kontakt zu den “historischen Notwendigkeiten” standen, auszuführen hatte und auch auszuführen bereit war. Wieso haben das die Parteimitglieder eigentlich von Anfang an mitgetragen? Und was für ein Konzept von Befreiung der Arbeit ist es, das Kommando über die Arbeit von den Privatkapitalisten einfach an den Staat zu übertragen, in der Hoffnung, dass ein kleines unbedeutendes Rädchen im Staatsbetrieb zu sein mehr mit der Individualität des Arbeitenden zu tun hat, als Rädchen im Privatbetrieb zu sein? Gut, die Gewinne gehen an den Staat in einer verstaatlichten Ökonomie, und darüber kann potentiell gesellschaftlich verfügt werden. Doch wenn an der Entscheidung, wie Politik und Produktion auszusehen haben, die einzelnen Bürger kein Wort mitzureden haben, dann bleibt nur, auf einen weisen, milden Herrscher zu hoffen.

Nein, es gibt gute und wichtige Gründe, den Realsozialismus zu kritisieren und abzulehnen, schon von seinem Ausgangspunkt her - und nicht erst anhand der daraus entstandenen Folgen! Aber das ist überhaupt kein Grund die herrschende kapitalistische Ordnung nicht überwinden zu wollen, sondern vielmehr Grund, nach einer wirklich demokratischen, herrschaftsfreien Überwindung zu streben. Und darüber, wie man dahin kommt, muss man eben diskutieren!


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