Feministische Politik in revolutionären Organisationen

Unser Beitrag zum Roten Abend der Internationalen KommunistInnen:

Der Kampf gegen das Geschlechterverhältnis ist ein wichtiges Thema für eine antikapitalistische Organisation, schon allein deshalb, weil man für eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft sehr viele sein muss. Eine revolutionäre Organisation kann es sich gar nicht leisten, einfach zu ignorieren, woran mindestens die Hälfte der Menschen in dieser Gesellschaft leiden. Es wäre ja drollig, wenn weiße männliche Lohnanhängige ihre Interessen versuchen als gesellschaftliches Allgemeininteresse darzustellen und sich wundern würden, dass sie damit ziemlich unter sich bleiben. Da es der Zweck einer revolutionären Organisation ist, die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse zu kritisieren und alternative Möglichkeiten der Vergesellschaftung vorzuschlagen und zu propagieren, gehört es selbstverständlich dazu, die gesellschaftlich hervorgebrachten Schrecklichkeiten möglichst umfassend in den Blick zu nehmen.

Das haben inzwischen die meisten linken Gruppen und Organisationen eingesehen. Mindestens pro forma steht in jedem Grundsatzpapier, dass es freilich nicht nur das Kapital zu bekämpfen gilt, sondern ebenso Rassismus und das Patriarchat, sowie andere - meist nicht weiter spezifizierte - Herrschaftsverhältnisse. Die Frage ist, was das im Konkreten heißt, welchen Stellenwert das hat und was für eine Art der Praxis sich daraus ergibt.

Im folgenden drei Punkte, an denen mir ein größerer Diskussionsbedarf erscheint, sowie als viertes einige vorsichtige sich daraus ergebende Konsequenzen für eine revolutionäre Organisation, die im Ernst gesellschaftliche Wirksamkeit erreichen möchte.

1. Es besteht Einigkeit, dass mit der Abschaffung der Eigentumsordnung die Ungleichbehandlung von Frauen nicht aus der Welt ist.

Formuliert wird das meisten als: Die Abschaffung des Privateigentums “reicht nicht”. Danach müsse dann noch mehr kommen. Was genau dann noch mehr kommen muss, bleibt oft im Dunkeln, denn zunächst muss man ja den ersten Schritt machen: Das Privateigentum abschaffen.

Selten wird gesagt: Die Gleichbehandlung von Frauen geht doch gar nicht erst los mit der Abschaffung des Privateigentums.

In einem Beitrag zur NaO-Debatte von einer der beteiligten Gruppen heißt es unter der Überschrift “Frauenfrage”:

“Natürlich ist die Frage der Befreiung der Frau ein zentraler Bestandteil eines revolutionären Programms. Dies kann jedoch nicht durch Begeisterung über alle Aspekte des Aufstiegs von Frauen im Rahmen des Kapitalismus erfolgen, wie das bei Mainstreamfeministen üblich ist. Wir fordern nicht nur die völlige Gleichstellung der Frau in allen sozialen Bereichen (beispielsweise gleicher Lohn für gleiche Arbeit), sondern stehen unter anderem für die Einrichtung freier Kinderkrippen und die Verteidigung des Rechts auf Abtreibung ein. Wie bereits erwähnt, existiert Unterdrückung anhand des Geschlechts länger als der Kapitalismus, weswegen die soziale Revolution nur der erste und entscheidende Schritt auf dem Weg zur gänzlichen Befreiung der Frau sein kann.”

I. Gegenübergestellt wird “Begeisterung über alle Aspekte des Aufstiegs von Frauen im Kapitalismus” (darum soll es nicht gehen) vs. soziale Revolution als “erstem und entscheidenden Schritt”.
- Der Gegensatz ist schon falsch. Natürlich wird eine Gleichstellung von Frauen nicht durch eine “Begeisterung über alle Aspekte des Aufstiegs von Frauen im Kapitalismus” erreicht, aber daraus folgt nicht, dass man vor einer sozialen Revolution nichts tun könne, um eine Gleichbehandlung von Frauen zu erreichen. Der erste Schritt, der mir einfällt, ist dass männlich Sozialisierte akzeptieren, dass Frauen ganz normale Menschen sind, auch wenn sie eine Vagina und nicht wie sie einen Penis haben.
- Wenn und soweit im Kapitalismus eine Gleichstellung von Frauen möglich ist, ist das natürlich begrüßenswert. Es ist überhaupt nicht einsehbar, weshalb man bis nach irgendeiner Revolution warten soll, dass man als Mensch ernstgenommen und als ganz normales Individuum behandelt wird. Das ist von der Abschaffung der Mehrwertproduktion gar nicht abhängig, deswegen muss darauf auch nicht warten.

II. Das Problem ist doch, dass es bei einer Gleichstellung als Konkurrenzsubjekt im Kapitalismus nicht stehenbleiben soll. Aber doch nicht, dass man mit der Gleichstellung im Kapitalismus gar nicht erst anfangen soll. Man könnte ja meinen, die Überwindung von Rassismus und Sexismus rückt die reale Einheit der Klasse in greifbarere Nähe. (Immerhin weisen Marxistinnen auf die Spaltung der Klasse durch Rassismus und Patriarchat hin - die es zu überwinden gelte. Aber nicht durch die Bekämpfung von Rassismus und Sexismus innerhalb der Klasse?)
- Wenn man nicht findet, dass Gleichbehandlung im Kapitalismus ein Einstieg in eine Behandlung von Frauen als ernstzunehmende Menschen ist, dann müsste man zeigen, warum und inwiefern es das nicht ist.

III. Wenn meint, dass der Kampf für Gleichstellung in der Konkurrenz nicht ausreicht, um als Mensch ernstgenommen zu werden und gleichberechtigt am öffentlichen Leben teilzuhaben, weil das innerhalb des Kapitalismus an eine Grenze stößt, dann muss man das an den und in den Kämpfen zeigen - und dafür streiten, sie darüber hinaus zu treiben. Daraus folgt aber nicht, auf den Kampf für Gleichbehandlung zu verzichten. (Das macht man mit gewerkschaftlichen Kämpfen auch nicht: Dass man den Lohnabhängigen rät, nicht für Lohnerhöhungen zu kämpfen, da erst mit der Abschaffung des Kapitals eine wirkliche Verbesserung ihrer Lebenssitutation in Aussicht stehe. Das widerspricht ja auch jeder realen Erfahrung und macht diejenigen die das behaupten würden unglaubwürdig: 100€ oder erst recht 300€ mehr im Monat sind eben nicht egal. Ebensowenig ist es egal, ob man in seiner alltäglichen Umgebung angesprochen wird als emotional und verführerisch aber für praktische Dinge leider nicht so ganz brauchbar.)
- Weil man für eine ernsthafte Veränderung der Gesellschaft handlungsfähige Subjekte braucht, d.h. Subjekte, die sich die Umgestaltung der Gesellschaft auch zutrauen, und die vernünftig miteinander umgehen, die eine kooperative Selbstverwaltung der Ökonomie in die Welt bringen können - schon deswegen muss man natürlich schon jetzt für eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen kämpfen.
- Wenn man meint, es würde jetzt - unter den herrschenden Bedingungen - noch nicht gehen, Frauen als vollwertige und gleichberechtigte Menschen ernstzunehmen und zu behandeln: Was genau hindert einen an diesem Ernstnehmen? Und wodurch kämen diese Hinderungsgründe aus der Welt, nachdem das Kapital abgeschafft wurde?

IV. Wenn es in dem Zitat oben heißt “Wir fordern nicht nur die völlige Gleichstellung der Frau in allen sozialen Bereichen (beispielsweise gleicher Lohn für gleiche Arbeit), sondern stehen unter anderem für die Einrichtung freier Kinderkrippen und die Verteidigung des Rechts auf Abtreibung” - dann sind kostenlose Kinderbetreuung und das Recht für jeden über seinen Körper selbst zu entscheiden also keine Mittel der Gleichstellung, sondern über die völlige Gleichstellung hinaus noch mal Sachen für Frauen? Es ist ziemlich problematisch, wenn es um Gleichstellung von Frauen geht, immer gleich von Kinderbetreuungsmöglichkeiten zu reden, ohne zumindest zu sagen, dass man natürlich nicht meint, dass Kinderbetreuung Frauen-Aufgabe ist. Die Verknüpfung der “Frauenfrage” mit “kostenloser Kinderbetreuung” schiebt tendentiell Frauen die Zuständigkeit für Kinder wieder unter - von der sie dann (später!) befreit werden sollen durch kostenlose Kinderbetreuung. Aber genau dass Kinderbetreuung überhaupt als Frauensache gilt, ist doch das zu kritisierende und aus der Welt zu schaffende. Wenn man aber schon gesagt hat, dass man “für die völlige Gleichstellung der Frau” ist, dann ist es keine zusätzliche Entlastung von “Frauen”, dass es kostenlose Kinderbetreuung gibt: dann ist das eine Entlastung für alle Eltern, Männer und Frauen gleichermaßen.

2. Der Kampf gegen Sexismus ist nicht eine Aufgabe nur von Frauen - vielleicht nicht mal in erster Linie von Frauen

Ein im NaO-Prozess öfter zitierter Satz lautet: “Der Kampf für die Gleichbehandlung von Frauen kann nur das Werk der Frauen selbst sein.”

I. Das ist nett gemeint (und soll durch die Analogie zu den Lohnabhängigen den Status feministischer Kämpfe aufwerten), macht es damit aber (gewollt oder ungewollt) wiederum zu einer Sache, die männlich sozialisierte offenbar nicht betrifft. Es unterstellt, es gäbe einen gutem Grund, sich mit dem Geschlechterverhältnis in seiner eigenen politischen Arbeit nicht sonderlich viel zu beschäftigen: weil es ja ohnehin nur Frauen selbst aus der Welt schaffen können. Offen bleibt, warum allein Frauen das können sollten, denn die Analogie zu den Lohnabhängigen reicht nicht besonders weit.
- Die Befreiung der Lohnabhängigen von der Lohnabhängigkeit kann deshalb nur das Werk der Lohnabhängigen selbst sein, weil sich eine kooperative Selbstverwaltung der gesellschaftlichen Angelegenheit nicht von oben dekretieren lässt. Eine Selbstverwaltung, die den Bedürfnissen der Beteiligten gerecht wird, kann nur von den Beteiligten selbst mit ihren jeweiligen Bedürfnissen in die Welt gebracht werden. Das heißt aber auch im Falle der Lohnabhängigen nicht, dass z.B. eine Regierung nicht Gesetze erlassen könnte, die das Experimentieren mit kooperativen Lebens- und Arbeitsweisen erleichtert oder die Propanganda für eine gesellschaftliche Selbstverwaltung nicht mehr unter Strafe stellen. Bezogen auf das Geschlechterverhältnis würde das also nur heißen: Die Gleichbehandlung von Männern und Frauen in der Gesellschaft kann nicht ausschließlich das Werk von Männern sein. Frauen müssen sich schon deshalb ganz aktiv in diesen Kampf einbringen, weil nur sie genau wissen, woran sie eigentlich leiden, und wie ein gesellschaftlicher Umgang aussehen muss, der ihnen tatsächlich ermöglicht, sich als vollwertiges Subjekt zu fühlen und zu entfalten. Daraus folgt aber nicht, dass Männer sich daran nicht beteiligen können und zu diesem Kampf nichts beizutragen haben.
- Wenn man hingegen meint, die Befreiung der Lohnabhängigen, könne deshalb nur Sache der Lohnabhängigen selbst sein, weil die Besitzerinnen der Produktionsmittel, sich mit aller Gewalt gegen eine Emanzipation der Lohnabhängigen stellen werden, und deswegen mit einer Unterstützung von dieser Seite nicht zu rechnen sei: dann hieße die Analogie bezogen auf das Geschlechterverhältnis, dass die männlichen Verfasser dieser Losung sich entschieden gegen eine Gleichbehandlung von Frauen stellen, und deshalb sich nicht an diesem Kampf beteiligen wollen. So soll das vermutlich nicht gemeint sein - aber wenn das nicht gemeint ist, was ist dann der Inhalt der Losung?

II. Der gesellschaftliche Blick auf Frauen als anders/emotionaler/nicht so rational/ohne eigenen Willen wird zu einem gewichtigen Teil durch Männer reproduziert. Es ist also nicht logisch, dass allein Frauen diesen Blick und diese Behandlung durchbrechen können sollen.
- Am Bsp. Vergewaltigungen von Frauen durch Männer wird das vielleicht am deutlichsten: Frauen können Kampfsport und Selbstbehauptungstechniken lernen. Aber nur Männer können aufhören, Frauen vergewaltigen zu wollen und den Willen von Frauen nicht ernst zu nehmen - oder es für eine spannende sexuelle Praktik zu halten, sich Frauen zu unterwerfen, die dem nicht ausdrücklich zugestimmt haben.
- Auch Entscheidungen über Veröffentlichungen, Aktionen etc. treffen zu einem guten Teil Männer: seien das Entscheidungen was in einem Flugblatt steht, wie die NaO-Essentials formuliert sind oder auch Werbekampagnen auf der Straße, wo die Frage immer ist, welche Bilder von “Männern” und “Frauen” da transportiert werden, ob Stereotype damit bedient werden.
- Mir leuchtet auch nicht ein, was das Argument dafür ist, dass Männer sich nicht damit beschäftigen können, wie das Geschlechterverhältnis in dieser Gesellschaft funktioniert und ein Interesse haben können an einer Gesellschaft, in der alle Menschen als Individuen ernstgenommen werden.

III. Wenn man die Aufgabenbeschreibung teilt, dass Anti-Sexismus Frauensache ist, reproduziert man eine Arbeitsteilung, dass Frauen Anti-Sexismus-Arbeit machen müssen, weil es sonst keiner tut, während (weiße) Männer sich aus Mangel an anderen eigenen Problemen mit dem Kapitalverhältnis beschäftigen können.
- Dann kann man aber nicht mehr sagen, dass sich Frauen offenbar eher für Frauenthemen interessieren und nicht für politische Ökonomie. Sondern weil Männer sich nicht ernsthaft mit dem Geschlechterverhältnis auseinandersetzen, bleibt das an Frauen hängen - die dadurch nicht mehr so viel Zeit haben, sich mit dem Kapital zu befassen, weil sie sich um Dringenderes kümmern müssen, das sonst keiner machen würde.
- Das Zeit-Argument gabs in der NaO-Debatte und gibt es auch in anderen politischen Auseinandersetzungen um die Schwerpunkte der eigenen Arbeit: man könne sich nun mal nicht um alle Themen kümmern. Männer können sich nicht auch noch mit Sexismus auskennen, die Beschäftigung mit dem Kapital beansprucht schon so viel Zeit. Das gilt für Frauen jedoch genauso. Wenn man also will, dass auch Frauen Zeit für die Beschäftigung mit politischer Ökonomie haben, dann muss man sich drum kümmern, dass der Kampf gegen Sexismus nicht allein an Frauen hängen bleibt.

IV. Die Auseinandersetzung mit dem Geschlechterverhältnis muss zweckmäßigerweise die Beschäftigung mit “Männlichkeit” einschließen, damit Männlichkeit nicht einfach als “Normal-Kategorie” durchgeht. In der Bezeichnung des gesellschaftlichen Sexismus als “Frauenfrage” klingt ja an, dass es offenbar ein Problem mit Frauen gibt.
- Das es eine “Frauenfrage” aber überhaupt gibt, entspringt schon einem männlich geprägten Blick. Man könnte ja auch meinen, es gibt ein Problem mit Männern - mit dem Dominanz- und Unterdrückungsbedürfnis der männlich sozialisierten Hälfte der Bevölkerung - oder mit dem Verhältnis zwischen “Männern” und “Frauen”.
- Aus emanzipatorischer Perspektive wäre die Frage zu stellen: Was ist das eigentlich für eine Subjektivität, die Unterwerfung anderer Menschen als probates Mittel zur eigenen Bedürfnisbefriedigung ansieht - und was heißt das für die Perspektive einer herrschaftsfreien Gesellschaft? Kann man mit solchen Leuten überhaupt Kommunismus machen?
- Zweitens ist ja eigentlich klar, dass alle Subjekte durch die sie umgebende Gesellschaft geprägt sind: In welcher Weise sind denn Männer davon geprägt? Und wie kann man da rauskommen, hin zu einer Subjektivität, die perspektivisch für eine herrschaftsfreie Gesellschaft “geeignet” ist?

3. Das Ziel muss perspektivisch die Überwindung der Einteilung von Menschen nach Geschlechtsorganen sein

In der heutigen Gesellschaft ist eine der grundlegendsten Unterscheidungen zwischen Menschen, die nach ihren Geschlechtsorganen: Es gibt die Gruppe der Menschen mit Penis, die Gruppe der Menschen mit einer Vagina und einen übrigbleibenden Rest der Menschen, bei denen die Zusortierung nicht ganz so einfach ist, und denen wahlweise eine eigene dritte Gruppe gewidmet wird oder die für die Einsortierung in eine der bestehenden Gruppen im Zweifelsfall durch chirugischen Eingriff eindeutig gemacht werden.

Eine Gesellschaft zu schaffen, in der Individuen ihre Subjektivität frei entfalten können, heißt, es Menschen zu ermöglichen sich frei zu entscheiden mit welchen anderen sie sexuelle oder andere Beziehungen eingehen möchten, mit wem sie ihr Leben verbringen und ggf. Kinder großziehen oder nicht großziehen möchten -  und sie nicht auf bestimmte Erwartungen an ihr Verhalten festzulegen.

I. Wenn man der Meinung ist, dass aus der Tatsache, dass manche eine Vagina haben, andere einen Penis (manche vielleicht auch beides) nichts natürlich folgt, und man auch will dass Individuen mit ihren je unterschiedlichen körperlichen Bedürfnissen und Wünschen sich frei entfalten können, sexuelle Lust, Nähe, Kümmern machen sollen mit wem sie wollen: dann ist es schwer zu begründen, warum die Einteilung in Vagina/Penis wichtig sein soll - wenn daraus einfach überhaupts nichts folgt. Dann kann man sich das Sortieren nach Geschlechtsorganen ja sparen.

II. Andersherum ist es aber schwer zu begründen, dass aus der Einteilung in Menschen mit Penis/Vagina nichts folgen soll, wenn das doch offenbar so eine zentrale Unterscheidung zwischen Menschen sein soll. Dann liegt zumindest immer die Frage nahe, ob da nicht vielleicht doch was draus folgt, und wieviel und was genau.
- Bei anderen körperlichen Unterschieden zwischen Menschen, z.B. zwischen großen und kleinen Menschen, stellt man die Frage nicht, ob dann nicht der Herzmuskel anders ist, wenn das Blut über eine größere Höhe und Fläche gepumpt werden muss: “Dass kann mir doch keiner weiß machen, dass sich das nicht auf bestimmte Körperfunktionen auswirkt wie groß jemand ist!” Aber Körpergröße ist eben auch keine sonderlich zentrale Unterscheidung, weswegen man es ganz gelassen hinnehmen kann, dass große Menschen vielleicht öfter Rückschmerzen haben, weil sie sich öfter ducken müssen. Oder Menschen mit großen oder besonders geformten Ohren womöglich besser hören können als Menschen mit kleinen oder glatten Ohren.
- Biologische Unterschiede zwischen Menschen gibt es ja zuhauf - aber die meisten dieser unterschiedlichen körperlichen Merkmale schaffen es nicht in den Status eines zentralen Unterschieds. Wenn der Unterschied zwischen den Geschlechtsorganen von Menschen (im Gegensatz zu Ohrenform oder Länge des Körpers) also ein wichtiger Unterschied sein soll (das erste, was man feststellt an fremden Menschen!), dann ist es doch eine sehr vernünftige Frage, was an genau diesem Unterschied hängt, und was darauf folgt. Dann hätten Menschen durchaus recht, die danach fragen, und die sagen, ihnen leuchtet nicht ein, dass daraus gar nichts folgen soll.

III. Mit dem Festhalten an “von Natur aus” verschiedenen Geschlechtern ist darüber hinaus eine Heteronormativität nahegelegt, die man gleichermaßen kritisieren will. Das Kriterium, wer hat welche Geschlechtsorgane, macht überhaupt nur Sinn, wenn man fragt, wer mit wem Kinder kriegen kann - womit das Kinderkriegen, also die Reproduktion der Gattung, implizit als Referenzpunkt für menschliche Sexualität und soziale Beziehungen zu Grunde gelegt wäre.
- Wenn man aber Reproduktion der Gattung (wie hintergründig auch immer) als Referenzpunkt für menschliche Beziehungen akzeptiert, dann ist die “Normalbeziehung” naheliegenderweise eine heterosexuelle. Alle anderen Beziehungen wären dann (wie großzügig auch immer erlaubte) Abweichungen von dieser Normalität - die “obwohl” sie Abweichungen sind, “trotzdem o.k.” sind. Es sind also nicht einfach von vornherein alle Beziehungen zwischen Menschen gleich prima, sondern manche bedürfen der Erläuterung/Rechtfertigung. Der Begründungsaufwand, dass und warum solche “Abweichungen” trotzdem o.k. sind, steigt dabei in dem Maße, wie Reproduktion der Gattung als Bezugspunkt akzeptiert ist.
- Dass man aber will, dass Menschen sich beim Sex und bei ihren sozialen Beziehungen ganz egal sein lassen, ob sie mit den anderen biologisch Kinder kriegen könnten oder nicht - dass das gar kein Gesichtspunkt sein soll bei Beziehungen zwischen Menschen - ist dann schwerer zu begründen.

IV. Vielleicht besteht auch gar kein Konsens bei dem Ziel der Überwindung von Heteronormativität, aber dann das wäre dann auch ein willkommender Anlass, um sich damit auseinanderzusetzen.

4. Was heißt das für eine politische Organisation?

Es müssen nicht von vornherein alle sich einig sein oder sich auskennen mit dem Geschlechterverhältnis, aber Voraussetzung für eine politische Zusammenarbeit ist eine Offenheit und Lernbereitschaft bei Themen, von denen man keine Ahnung hat.

I. Heißt das Zuhören den Leuten, die da mehr darüber wissen, oder die anders davon betroffen sind als man selbst.
- Das ist ein Vorteil einer großen Organisation, dass Wissen von einzelnen (bzw. einzelnen Gruppen) viel besser und leichter zirkulieren kann - wenn man ein Interesse daran hat.
- Offenheit bedeutet auch Nachfragen, wenn man die Argumente nicht versteht, statt selbstgefällig davon auszugehen, dass das alles Quatsch sein muss, wenn man es nicht kennt oder nicht gleich versteht.

II. Die Vermeidung der Reproduktion von Stereotypen in Texten, in Diskussionen, im Redeverhalten und in öffentlichen Veranstaltungen.
- Man kann nicht auf alles Einfluss nehmen, man kann nicht alle Themen gleichzeitig bearbeiten und man kann auch die eigene Subjektivität nicht von jetzt auf gleich umkrempeln. Aber man kann im Ernst versuchen die herrschenden Zuschreibungen an Männer und Frauen nicht zu reproduzieren. Dazu gehört, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, wo und wie sich diese Bilder in der eigenen Arbeit und in den eigenen Texten durchsetzen.

III. Dazu gehört es, sich geeignete Institutionalisierungen zu schaffen, damit es nicht jedes mal auf die Sensibilität oder den guten Willen der beteiligten Einzelnen ankommt.
- Das könnte z.B. bedeuten: eine Quotierung gewählter Gremien, eine Quotierung von Podien (wenn die nicht zur Hälfte mit Frauen besetzt sind, findet die Veranstaltung nicht statt), eine Quotierung von Redelisten (da das in manchen Zusammenhängen auch leicht paternalistisch rüberkommen kann, müsste diskutiert werden, wie das angewendet werden soll).
- Man muss auch diskutieren, wie in einem Zusammenschluss, wo über 90% der Beteiligten männlich sozialisiert sind, eine Quotierung überhaupt aussehen soll und kann. In Mehrheitsentscheidungen setzt sich erstmal immer (!) eine männliche Position durch, d.h. es bräuchte auch in Entscheidungen eine Institutionalisierung des Zwecks, keine sexistischen Stereotypen zu reproduzieren.

Die Frage konkreter Institutionen ist zumindest in Bezug auf den NaO-Prozess noch etwas ferner. Zunächst einmal geht es darum, sich überhaupt über das Geschlechterverhältnis zu verständigen und wenigstens eine Sensibilität dafür zu schaffen. Solange die Beteiligten den Zweck nicht teilen oder zumindest einsehen, wird man auch mit Institutionalisierungen nicht weit kommen. Solange Männer den Eindruck haben, Frauen wären ihnen schuldig endlich Ruhe zu geben mit dem Thema, sie hätten schließlich schon dieser bekloppten Institutionalisierung zugestimmt, wird man in der eigenen Praxis nicht voran kommen.

Eine antikapitalistische Organisation aber, die im Ernst anti-sexistisch und anti-rassistisch ist, könnte eine enorme gesellschaftliche Ausstrahlung entfalten und tatsächlich zu gesellschaftlicher Veränderung beitragen.


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