Eine Rezension, die uns erstaunt

Auf der Seite Kritisch Lesen findet sich seit August eine Rezension von Philippe Kellermann zum Buch “Nie wieder Kommunismus?” in der vor allem unser Text besprochen wird, leider aber nicht verstanden wurde. Da uns das Mißverständnis gravierend erscheint, dokumentieren wir hier unsere Antwort an ihn:

Lieber Philippe Kellermann,

Vielen Dank für deine Rezension, die uns sehr verwundert hast. In großen Teilen besprichst du darin unseren Text, hast ihn aber überhaupt nicht verstanden. Nicht nur unterschiebst du uns abwegige Positionen, du zitierst auch gleich viermal (!) falsch oder irreführend, das grenzt schon an Verleumdung. Und da du offenbar bemerkt hast, dass es “ein merkwürdiges Hin und Her” im Text zu geben scheint, hätten wir uns gewünscht, du hättest diese Beoachtung zum Anlass genommen, noch mal nachzulesen, ob sich nicht doch noch eine stringentere Lesart ergibt. Trotzdem freuen wir uns, dass du deine Rezension veröffentlicht hast, denn sonst hätten wir ja gar nicht gemerkt, wie man unseren Text offenbar auch noch verstehen kann. Wir werden diese Antwort zusammen mit unseren Beitrag aus dem Buch veröffentlichen, damit Leute sich ein eigenes Urteil bilden können, was wir geschrieben haben.

Sehr erstaunt sind wir, dass unser Text als “Rechtfertigung der Bolschewiki” gelesen werden kann, und dass uns gönnerhaft zugestanden wird, “manchmal auch an eine fundamentalere Kritik heran” zu kommen. Wir meinten unseren ganzen Text durchgehend herrschaftskritisch. Nur glauben wir eben, dass es nicht reicht, zu sagen, man sei gegen Herrschaft. Das haben die Bolschewiki vor der Revolution auch gesagt. DESWEGEN zitieren wir aus Staat und Revolution, und DESWEGEN zitieren wir die Einschätzungen innerhalb der Bolschewiki in späteren Jahren. Dass uns das offenbar als Propaganda für die Politik der Bolschewiki ausgelegt wird, bedauern wir.

Lenin schreibt vor der Revolution, dass nach der Revolution sofort eine Rätestruktur errichtet wird. Die Ansprüche an diese Rätestruktur sind die gleichen, die auch jetzt noch angelegt werden, um eine Verselbständigung der Delegierten zu verhindern: Wahl und jederzeitige Abwählbarkeit, gleiche Bezahlung wie Arbeiter und Rotation. Nach der Revolution passiert genau dieses einzige nicht, von dem sie vorher schon eine klare Vorstellung hatten. Warum nicht? Diese Frage halten wir politisch deswegen für relevant, weil wir in Kreisen unterwegs sind, die ebenfalls eine Revolution befürworten und zur Frage, wie eine sozialistische Gesellschaft organisiert sein kann, ebenfalls für Räte plädieren würden. Im übrigen auch die Anarchistinnen, wenn ich richtig informiert bin. Wenn wir uns Gedanken machen, was die Bolschewiki bewogen hat, genau das nach der Oktoberrevolution nicht umzusetzen, dann meinen wir das nicht als “Rechtfertigung”, nur meinen wir, dass mit Kategorien wie Verrat historisch und politisch nichts gewonnen ist. Sondern - und vielleicht haben wir hier einen Dissens - der politische Zweck trifft auf reale Bedingungen unter denen er wirksam werden muss. Uns scheint jedoch, in linksradikalen Diskussionen wird die Frage, wie Herrschaftsfreiheit real möglich sein kann, immer etwas umgangen und auf eine Zukunft kurz vor oder sogar nach der Revolution verwiesen. Gegen diesen Aufschub wenden wir uns, keineswegs gegen Herrschaftskritik. Sondern um Herrschaftsfreiheit real möglich zu machen, muss man sich Gedanken darum machen, wie das auch unter schwierigeren Bedingungen gehen kann; welche Institutionen das ggf. sicherstellen können.

Deswegen finden wir die Frage in der Tat nicht so bedeutend, ob unter den Bedingungen in Russland 1918 eine Selbstverwaltung aller Arbeitenden realistisch gewesen wäre, denn was ergäbe sich aus der Antwort? Wenn es gegangen wäre, dann wären die Bolschewiki wirklich schlimm, und wenn es doch nicht gegangen wäre, dann wäre das System, dass sie errichtet haben, gleich viel weniger abzulehnen? Wir WOLLEN eine demokratische Selbstverwaltung, die die Befriedigung der Bedürfnisse aller zum Zweck hat, und wir fragen uns, was es braucht, damit das Wirklichkeit wird. Daran würde sich auch dann nichts ändern, falls das 1918 in Rußland tatsächlich nicht gegangen wäre. (Im übrigen zitieren wir Mandels Einschätzung, dass das 1920, nachdem alle idealistischen Revolutionäre im Bürgerkrieg umgekommen sind, nicht realistisch gewesen wäre, in einer FUSSNOTE! Und in der selben Fußnote sagt der selbe Mandel dass es mit Beginn der Neuen Ökonomischen Politik 1923 sehr wohl möglich und NOTWENDIG gewesen wäre.)

Vor einigen Tagen bei einer Diskussionsveranstaltung sagte die anarchistische Referentin von Podium, dass für Anarchistinnen Freiheit des Individuums oberstes Gebot sei, solange die Freiheit der anderen dabei nicht eingeschränkt würde. Auf die Nachfrage, was denn Freiheit der anderen nicht einschränken im Konkreten bedeute und was ggf. die anarchistische Vorstellung davon ist, was passiert, wenn jemand doch die Freiheit der anderen einschränkt, wurde etwas lapidar geantwortet, dass man dann einschreiten müsse um das zu verhindern. Aber an genau der Stelle wird es doch wichtig; da geht die Diskussion ja erst los. Wer schreitet da ein und welche Mittel sind legitim, um die Freiheitseinschränkung der anderen zu verhindern - und welche Mittel nicht? In einer Gesellschaft in der Menschen notwendig aufeinander verwiesen ist, kommt es leicht als leere Floskel rüber, die Freiheit der anderen sei nicht einzuschränken. Wenn Leute beispielsweise vor sexistischem Verhalten anderer geschützt werden sollen: Wie geht man mit den “Tätern” um? Welche Einschränkungen seiner Freiheit sind legitim, um die Freiheit der anderen zu schützen? In solchen Fragen existieren in der Linken einige recht zweifelhafte Praxen, die genau mit einem herrschaftskritischen Anspruch begründet werden. Aber diese Praxen abzulehnen, lässt wiederum das Problem zunächst offen, wie man die (um beim Beispiel zu bleiben) von Sexismus Betroffenen schützen kann. Diese Fragen gehören breit diskutiert, und zwar nicht als Austausch von Gesinnungen, sondern als Erarbeitung einer möglichst breit geteilten emanzipatorischen Praxis, an die nach einer eventuellen Revolution dann auch angeschlossen werden kann.

Wenn wir daraufhinweisen: “Doch nicht nur die bolschewistische Partei, auch die deutsche Sozialdemokratie hat sich nach der Revolution 1918 entschieden, die politische Zukunft des Landes besser nicht den aufständischen Arbeiterinnen zu überlassen, und mit Hilfe rechter paramilitärischer Einheiten die Rätebewegung in Deutschland niedergeschlagen und die kommunistischen Führerinnen ermorden lassen. Beide, sowohl die bürgerlich-parlamentarisch orientierte SPD als auch die revolutionären Bolschewiki, haben der Bevölkerung nicht zugetraut, ihre eigenen Angelegenheiten selbst zu verwalten und an deren Stelle wieder den Staat eingesetzt.“, dann wollen wir damit nicht sagen, wenn es so viele machen, dann ist es vielleicht doch in Ordnung. Nur kann man es nicht aus der Theorie der Bolschewiki erklären, wenn gerade das KEINE bolschewistische Besonderheit ist. Unser Text geht weiter damit, dass auch ausnahmslos alle Parteien im Deutschen Bundestag genau diese Haltung noch heute teilen, die Frage also offensichtlich auch breiter als mit Bezug auf die marxistische Theorie besprochen werden muss. In einer Fußnote (!) erwähnen wir, dass die Menschewiki das ebenfalls so handhabten.

Dagegen sich einfach auf die Position zu stellen, man sei für Selbsttätigkeit und gegen staatliche oder sonstige Bevormundung, setzt voraus, dass selbsttätig eben nicht rassistische, sexistische oder anders eklige Projekte verfolgt werden, die man aus gutem Grund dringend bekämpfen wollen würde. Im bürgerlichen Staat ist das ganz einfach geregelt: Die Herrschaftsfrage ist mit der Entscheidung für Herrschaft geklärt, der Staat erlässt Gesetze was zulässiges Verhalten ist, und wer dagegen verstößt bekommt ganz materiell die Gewalt des Staates zu spüren. Wenn man nun diese staatliche Herrschaft abschaffen will, aber dabei Einzelne nicht ungeschützt dem hoffentlich guten Willen irgendwelcher Gruppen überlassen will: Was bedeutet das dann für eine revolutionäre Linke (und zwar egal ob sie sich anarchistisch oder kommunistisch nennt)? Da braucht es den Austausch von Ideen und da braucht es vor allem eine Praxis. Mit dem Verweis auf Selbsttätigkeit ist da nicht viel gewonnen (auch wenn wir ihn richtig finden). Wie wir in unserem Text geschrieben haben: “Herrschaftlichen Lösungen, die mit der Dringlichkeit der Aufgabe begründet werden, kann nur etwas entgegengesetzt werden, wenn alternative Ansätze entwickelt sind UND ERFAHRUNGEN DAMIT BESTEHEN.”

Es freut uns übrigens, dass du uns zustimmend Kropotkin zitierst, auch wenn du das anscheinend nicht zu unseren Gunsten auslegst. Weil es so schön ist, wollen wir es hier gleich noch mal zitieren:

Übrigens, wenn wir während der verhältnismäßig ruhigen Zeit, die wir jetzt durchmachen, unser Ideal nicht darlegen, diskutieren und verbreiten sollen – wann werden wir es tun? Wird es an jenem Tag sein, wo inmitten des Kampfes, auf den Trümmern der alten Herrschaftsordnung die Notwendigkeit an uns herantritt, sofort die Tore einer neuen Zukunft zu öffnen? Wo wir bereits eine Entscheidung getroffen haben müssen, und eines starken Willens bedürfen, um dieselbe auszuführen? – Dann wird es nicht mehr Zeit sein zu diskutieren. Dann müssen wir handeln, auf der Stelle, entweder in einem Sinne oder im anderen. Wenn die bisherigen Revolutionen dem Volke nicht das gaben, was dasselbe von ihnen mit Recht erwarten durfte, so ist dies nicht deshalb geschehen, weil das Volk zu viel über das Ziel der Revolution, deren Nahen man verspürte, diskutiert hat.”

(Aufmerksamen Leserinnen fällt auf, dass wir den letzten Satz des Zitats weggelassen haben, erstens weil wir die Kategorie Verrat für eine Analyse untauglich finden, aber zweitens vor allem weil er uns auf die heutige Situation nicht ganz so zutreffend erscheint. Statt des Vertrauens auf die Führer scheint in linksradikalen Diskussionen heute eher das Vertrauen in den Gang der revolutionären Ereignisse dominant zu sein.)

Da Kropotkin schon 1882 so was Interessantes geschrieben hat, fragen wir uns, was ist denn passiert in den letzten 130 Jahren? Durchgesetzt hat sich die Position ganz offensichtlich noch nicht. Man könnte also sagen: Es ist uns als Kommunistinnen ein Anliegen, Kropotkins Einschätzung da zu mehr Geltung zu verhelfen.

Wir haben übrigens aus deiner Rezension gelernt, dass Sarkasmus kein gutes Mittel ist, wenn man für unbekanntes Publikum schreibt. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass “fürsorgliche Betreuung der Arbeiterklasse durch Staat und Partei” von irgendjemandem positiv assoziiert werden könnte, da wir schon die Kategorie Betreuung für eine Beleidigung denkender Subjekte halten. Und nur vorsichtshalber - auch Kollontai meint es sarkastisch, wenn sie schreibt: “Die auserwählten Kommunisten forschen laboratorisch in enger Arbeitsgemeinschaft mit den Spezialisten in den Sowjetorganisationen nach den Formen der kommunistischen Wirtschaft.” Beim nächsten Text versuchen wir das zu berücksichtigen. Es hat sich ja tatsächlich noch nicht überall herum gesprochen, dass Paternalismus kein Mittel zur Emanzipation ist.

Das Fazit deiner Rezension (”die Geschichte des Sozialismus ist viel interessanter als oft geglaubt wird”) ist nebenbei gesagt überhaupt nicht unser Anliegen - und vielleicht hast du deswegen unseren Text auch so komplett falsch verstanden. Uns gehts nur vermittelt um die Geschichte des Sozialismus, uns geht es vor allem um seine Zukunft.

Mit besten Grüßen,

Eva für [paeris]


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