Do Cyborgs* Dream of Electrification plus Soviet Power**?

Tagesseminar über Körper unter der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise

Am 10.01.2009 in Berlin

Menschen sind irgendwie als vernunftbegabte Sinnenwesen zu bezeichnen. Darauf können sich außer Postmodernen wohl die meisten Menschen einigen. Nur: was heißt das eigentlich? Heißt das, dass Menschen auf der einen Seite reines Denken sind und auf der anderen Seite Körper haben im Sinne von Organismus mit zwei Beinen, zwei Armen, Magen, Lunge, Leber und all dem anderen Kram, den man so im Biologieunterricht zum Menschen beigebracht bekommt? Wir meinen, nicht. Erstens: Mindestens ebenso wichtig wie Hände zu haben, ist doch die Möglichkeit, seine Umwelt über eine entwickeltes System aus mechanischer, biologischer, chemischer und kybernetischer Technologie begreifen und verändern zu können, oder sich in ihr zu bewegen: sei das durch Autofahren, Mobilkommunikation, Kopfschmerztabletten oder Schusswaffen. Der sozusagen gesellschaftliche Körper von Menschen ist potentiell in ganz anderen Dimensionen wirkungsmächtig als dasjenige, was man als Natürliches erklärt bekommt. Und zweitens: Der gesellschaftliche Stand der Technik ist ziemlich weit durch Wissenschaft bestimmt. Marx nennt das je existierende System der Maschinerie deshalb sogar General Intellect. Schon deshalb sind Geist und Körper einander nicht einfach entgegenzustellen.

Gleichzeitig heißt das nicht, dass Organe, Nerven und Kreislaufsystem gar keine Rolle mehr spielen, sondern sie gehen nur in neuen gesellschaftlichen und technologischen Umwelten immer wieder neue Verbindungen ein: Hände am Lenkrad, Handy am Ohr und Aspirin im Kreislauf. Es heißt dagegen leider schon, behaupten wir, dass die jeweiligen gesellschaftlichen Zwecke sich gemeinsam mit der Technologie in die Körper einschreiben, genauso wie die mit ihnen verbundene Gewalt. Zwar ist in der gegenwärtigen Technik und Maschinerie, viel Freundliches als reale Möglichkeit vorhanden, aber diese Möglichkeiten werden unter gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen nie, oder nur für einige Wenige realisiert.Und häufig wird auch die Technologie selbst viel weniger freundlich als sie sein könnte, weil der Zweck ihrer Produktion eben nicht die Menschen sind, sondern die Kapitalakkumulation. Was das alles genau bedeutet, was es für gemeine aber auch potentiell emanzipatorische Auswirkungen auf menschliche Körper hat,und warum Menschen heute trefflich als Cyborgs, keineswegs aber als denkende Tiere bezeichnet werden können, wollen wir auf dem Seminar untersuchen, mithilfe von Donna Haraway, Dietmar Dath, Beatriz Preciado und Karl Marx als Stichwortgebenden - und mit ein bisschen Science Fiction und einiger Real World als Material.

*Wikipedia über Cyborgs: Der Begriff Cyborg bezeichnet ein Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine. Zumeist werden damit Menschen beschrieben, deren Körper dauerhaft durch künstliche Bausteine ergänzt wird.

**Lenin über Sozialismus


2 Responses to “Do Cyborgs* Dream of Electrification plus Soviet Power**?”

  • Jörg Djuren Says:

    Foucault schreibt in seinem Text von der ‘fröhlichen Wissenschaft des Judo’, daß jeder Diskurs immer wieder aufgegriffen und gegen seine ursprüngliche Intention gewendet wird. In diesem Sinn hat sich der ursprünglich von Donna Haraway ins Spiel gebrachte Diskurs um Cyborgs auch längst in sein Gegenteil verkehrt. Siehe dazu: http://www.ak-anna.org/naturwissenschaftskritik_alternativen/donna_haraway_cyborg.html

  • Oliver von [pærɪs] Says:

    Hallo, vielen Dank für den Hinweis. Aber was bedeutet das für unser Seminar? Heißt das, dass wir den Begriff des Cyborgs nicht mehr positiv gebrauchen dürfen, auch, wenn wir meinen, dafür gute Gründe nennen zu können? Dann find ich das komisch, weil der Diskurs ja keine schicksalhafte Macht ist, mit der man nur mitschwimmen könnte und beobachten, wohin er treibt. Es ist ja durchaus möglich, Gedanken zu formulieren, die herrschenden Diskursen widersprechen, oder? Vielleicht ist sogar irgendwann eine Praxis gegen einen doofen Diskurs drin, denn darum geht es ja eigentlich. Trotzdem sollte man den aktuellen Stand des Diskurses natürlich kennen, keine Frage.

Schreib einen Kommentar: