Alles für die Volksgesundheit

Warum die moderne Drogenpolitik an ihrem Produkt, dem Drogenelend, nichts auzusetzen hat – und die moderne Legalisierungsbewegung nichts an den Zielen dieser Politik.

Dieser Text ist die Niederschrift des Vortrags bei unserer Veranstaltung “Sumpf Drogen” am 14. Dezember 2007. Dieser und die beiden anderen Vorträge der Veranstaltung erschienen leicht gekürzt als Dossier in der Jungle World Nr. 17 vom 24. April 2008.

Das Phänomen “Offene Drogenszene”

Die “offene Drogenszene” mit den typischen Erscheinungsformen von Gebrauch und Handel mit Drogen stellt nur einen vergleichsweise kleinen Bereich des Umgangs mit verbotenen Stoffen dar. Konsumenten kommen bei vielen verschiedenen Gelegenheiten mit Stoffen wie Heroin, Koks oder Ecstacy in Berührung; Handel und Konsum findet in weiten Teilen sozial “unsichtbar” statt, d.h. Außenstehenden fällt da zunächst nicht viel auf. Ganz zu schweigen natürlich davon, daß Drogenabhängigkeit, körperliche Probleme aufgrund von Drogengebrauch etc. in den allermeisten Fällen überhaupt nichts mit verbotenen Substanzen zu tun haben - sondern mit Schmerz- und Schlafmitteln, Alkohol und Zigarettentabak etc.
Daß eine “offene Drogenszene” wie diejenige am Weinbergspark daher nur eine zum Großproblem erklärte “Eisbergspitze” ist, wäre das eine. Eine andere Frage ist aber, was denn nun das Typische an dieser Eisbergspitze ist.

Wer hier Drogen kauft ist ein typischerweise unterprivilegierter Dorgenbenutzer. Zunächst einmal bekommt er die Substanzen, die er will, nicht wie viele andere in einem für ihn einigermaßen kalkulierbaren, geschütztem Umfeld, möglicherweise direkt vermittelt durch andere User aus seinem direkten sozialen Umfeld (eine sehr häufige Form, in der die Endbenutzer von Drogen an die Mittel gelangen), sondern er nimmt die diversen Risiken der Besorgung auf offener Straße in Kauf. Diese spezielle Situation bedingt sich meistens wechselseitig mit dem Drogenelend dieser unterprivilegierten User, das verschiedene ökonomische, soziale und nicht zuletzt auch gesundheitliche Facetten hat. Vor allem die gesundheitlichen Begleiterscheinungen bestimmter Konsumstile sind den Betroffenen sehr oft direkt anzusehen. Die Stoffe können oft nur hastig unter unhygienischen Bedingungen konsumiert werden. Typisch ist beispielsweise das gemeinsame Benutzen von Spritzbesteck mit damit einhergehendem Risiko von HIV, Hepathitis etc. Probleme wie allergische Schocks wegen Beimischungen mit teilweise tödlichem Ausgang, versehentliche Überdosierung (beides Folgen der unkontrollierten Qualität der Schwarzmarktwaren), Verelendung u.a. durch hohe Preise, oft verbunden mit Beschaffungsprostitution, Beschaffungskriminalität etc. gehören für viele dieser Benutzer zum Alltag. Diverse ordnungs- und betäubungsmittelrechtlich begründete Drangsalierungen durch die Polizei kommen noch dazu.

Das Phänomen “Drogenverbot”

Wer Opiate (und auch Heroin ist letztlich ein solches) oder Amphetaminderivate (wie Ecstacy) als legale “Betäubungsmittel” aus der Apotheken bezieht, oder wer “bessere Quellen” hat und daher nicht auf die Straßenbeschaffung angewiesen ist, bemerkt rasch das Offensichtliche: Die typischen Probleme verelendeter Drogenbenutzer haben nur zum Teil etwas mit den Substanzeigenschaften beispielsweise von Opiaten zu tun. Opiate aus der Apotheke sind weitaus billiger und kalkulierbarer als alles, was typischerweise auf einem Schwarzmarkt zirkuliert. Und selbst körperlich Opiatabhängige können mit ihrer Abhängigkeit ein langes, sozial integriertes Leben führen. Opiatentzug ist eine harte Angelegenheit, und kaum jemand wird aus purer Lust und Laune eine solche körperliche Abhängigkeit als Lebensstil “wählen”, aber dennoch: Das Drogenelend, daß uns vor allem auf den offenen Droegnszenen begegnet, ist vor allem ein staatliche gemachtes. Es ist eine direkte Folge und - selbst drogenpolitische Hardliner bestreiten das heute kaum noch - “unvermeidliche Begleiterscheinung” des Dorgenverbots. Was aber ist das Drogenverbot?
Es gibt eine Menge historischer Erfahrungen mit Drogenverboten, denn seit psychisch wirksame Substanzen als Genußmittel industriell hergestellt und massenhaft verbreitet werden, hat es stets Konsumstile gegeben, die - in unterschiedlicher Weise - aus dem Raster sozial erwarteter Verhaltensweise herausgefallen sind. Obwohl Staaten normalerweise die gewinnträchtige Industrieproduktion und Verwandlung aller Dinge in Waren wollen und nach Kräften fördern, haben sie der Ware “Droge” immer wieder für verboten erklärt. Nicht nur historische Einzelfälle wie der offiziell für gescheitert erklärte Versuch der Alkoholprohibition in den USA haben jedoch immer wieder offenbart, daß mit dem Drogenverbot nie die jeweilige Droge aus der Welt geschaffen wird. Vielmehr wird ihr rechtlich, und dadurch ökonomisch und sozial, ein Sonderstatus verliehen. Dieses Phänomen ist - vielleicht nicht am Stammtisch, wohl aber in fachpolitischen Diskussion - längst bekannt und wird kaum noch bestritten.

Drogenhandel: Kapitalistische Geschäfte unter Sonderbedingungen

Drogenhandel ist ein entgegen landläufiger Wahrnehmung ziemlich vielfältiges Phänomen. Bei der Verbreitung an die Enbenutzer spielen, wie gesagt, sehr viele Händler eine Rolle, die nicht auffällig werden, weil sie gleichzeitig Konsumenten sind und in ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld verticken; andere riskieren es mit dieser “Nische” nicht zuletzt deshalb, weil sie aus verschiedenen Gründen zu anderen Arbeiten keinen Zugang finden, was allerdings keineswegs den Umkehrschluß zuläßt, daß mit dem Dealen aus ihren ökonomischen Problemen rauskämen. Dann gibt es noch, neben dem Geschäft mit dem Endbenutzer, den “großen Drogenhandel”, der, da durch das staatliche Gewaltmonopol und dessen Regeln nicht gedeckt, sich seine Regeln und Erzwingungsmittel selbst schafft: Bandenkriminalität, Waffengewalt etc. Hier spielt auch “Ethnizität” eine Rolle: Die gleiche Herkunft, oft auch der Sonderstatus des Ausländerseins in einem “fremden” Land, wird zur Rückversicherung der Zuverlässigkeit in einem Geschäft, in dem es keine Arbeits- oder Kaufverträge gibt, die man notfalls vor einem ordentlichen Gericht einklagen könnte. Bei näherer Betrachtung laufen die vielfältigen Motive und Phänomen der auf den verschiedenen Stufen des Drogenhandels Beteiligten doch wieder auf eine gemeinsame Ursache zusammen: Das Zeug ist eine Ware, mit der Geld verdient wird wie mit anderen Waren auch - allerdings unter ungewöhnlichen Bedingungen, die nicht von Substanzeigenschaften herrühren, sondern durch den Staat, das Verbot und die Art von dessen Durchsetzung bestimmt werden. Besonders schlimm sind die Konsequenzen für den besonderen Status der Ware “Betäubungsmittel” nicht unmittelbar deshalb, weil sie zu besonderen Ausformung des Warenhandels führen, schlimm sind die Konsequenzen vielmehr für viele unterprivilegierte Benutzer der Drogen.

Ziehen wir ein Zwischenfazit: Das augenfällige Elend vieler Drogenbenutzer ist nicht allein durch Natureigenschaften der konsumierten Substanzen, und auch nicht durch körperliche oder psychische Abhängigkeit zu erklären. Vielmehr ist dieses Elend, insbesondere auch die begleitenden “abweichenden” Verhaltensweisen wie “Beschaffungskriminalität” etc., im Wesentlichen das Produkt einer staatlichen Drogenpolitik, die festlegt, welche Stoffe als Genußmittel konsumiert werden dürfen, und unter welchen Bedingungen.

Legalisieren – das Gegenteil von Verbieten?

Das weithin bekannte Gegenstück zur schlechten Realität des Drogenverbots ist die Forderung nach der Drogenlegalisierung. Sie tritt heute meistens ohne einen Zusammenhang mit “Gegenkulturen” auf, für die Drogengebrauch oft wichtiger Teil der Selbstinszenierung war. Die Aussage solcher Bewegungen lautet heute etwa “Legalisiert doch nur - und alles wäre gut.” Zum Teil ist das echte Naivität oder die Borniertheit einer partikulären Kifferbewegung, die immer noch angeblich “starke” (Heroin, Alkohol) und “schwache” (Hasch) Drogen gegeneinander ausspielen will. Die Legalisierungsbewegung hat daneben aber auch Protagonisten, die zurecht auf etwas wichtiges hinweisen: Vielen heute vom Drogenverbot Betroffenen (insbesondere jener auffälligen Minderheit der Drogenbenutzer auf den offenen Drogenszenen), ginge es beim Wegfall von Drogenverboten jeder Art unmittelbar besser. Zudem ist der Legalisierungsbewegung zugute zu halten, daß sie eine wichtige Frage berührt, nämlich warum es angesichts der herrschenden Aufgeklärtheit über Stoffe und Abhängigkeit überhaupt (noch) Drogenverbote gibt. Schade nur, daß die Erklärungsversuche selbst meist bescheiden ausfallen. Zusammenfassend läßt sich nämlich leider feststellen, daß diese Bewegung all die durchgesetzten Sortierungen nach gesunden und ungesunden, abhängigen/”süchtigen” und nicht-süchtigen, gesunden, fitten und “problematischen” Genuß- und Lebensstilen bestenfalls nicht hinterfragt, schlechtestenfalls jedoch reproduziert und moralisch aufwertet. Aber der Reihe nach.

Alte und neue Drogenpolitik

Drogenpolitik ist heute Ausformung eines “aufgeklärten”, umfassenden gesundheitspolitischen Anspruchs. Historiker gestehen heute gern zu, daß es letztliche historische Zufälle waren, die zu der bis heute gültigen Gruppierung psychoaktiver Substanzen in “verboten” und “erlaubt” geführt haben. “Gefährlich” und “ungefährlich” war eigentlich immer eher ein Urteil über die Drogenbenutzer als über die Drogen selbst; Unterschichten und rassistisch Ausgegrenzte wurden für ihren - als wesensmäßig unterstellten - Drogengebrauch stigmatisiert. Auch die Beobachtung, daß Drogenpolitik Mittel imperialistischer Machtausübung war, und hier und dort verdächtig weitgehend mit den Interessen nationaler Handelsunternehmen oder Pharma-Industrien übereinstimmte, gilt heute als Banalität.
Nicht so sehr als kritikwürdiges historisches Phänomen, sondern vielmehr als größte Selbstverständlichkeit gilt hingegen das Drogenverbot selbst. Anders als religiöse oder kulturelle Tabus gegen psychoaktive Substanzen in vergangenen Zeitaltern wird mit Drogenverboten im Kaptalismus Ernst gemacht - sie sind ein machtvoller Anspruch gegen jeden Einzelnen, der mit Erziehung, Polizei und Psychiatrie durchgesetzt wird. Was ein Einzelner mit seinem Stoffwechsel tut, um seine Sinne oder sein Bewußtsein zu stimulieren ist nicht einfach seine Angelegenheit; vielmehr soll sich jeder indviduelle Genuß rechtfertigen. In Frage gestellt ist jedesmal die “Volksgesundheit” als der legitime Eingriffstitel in den Genußmittelkonsum jedes einzelnen und darüber hinaus.

Volksgesundheit und individueller Lebensstil

Der Einzelne wird mit seinem Genußmittelkonsum nicht verworfen, sondern jeder, wirklich jeder, soll fit und gesund sein. Die dabei gemeinte Gesundheit fällt jedoch keineswegs mit dem individuellen Wohlergehen der Einzelnen zusammen. Krank und unfit zu sein erscheint im Kapitalismus vielmehr notwendigerweise als ein Kostenfaktor. Von der kleinsten Pause bis zur Grenze des Arbeitstages, vom Wochenende bis zum Urlaub - das kapitalistische Interesse, über die Arbeitskraft der Menschen zu verfügen ist stets grenzenlos, so daß jede Begrenzung vertraglich oder gesetzlich fixiert werden muß. Wenn jede Unterbrechung zwar irgendwie notwendig, tendenziell aber immer “zu viel” ist, liegt der Übergriff auf die Gestaltung des heiligen Privatlebens nahe. Freizeit wird konsequenterweise einem Zweck, nämlich dem einer effizienten Reproduktion, unterworfen. Der wird aber keineswegs ausformuliert als “Erhol dich gefälligst!”, sondern diese Quadratur des Kreises soll jeder selbst bewerkstelligen. Freilich nicht ohne mit einem Dauerfeuer guter Tipps und Mahnungen für eine rundum “gute”, “ganzheitliche”, “ausbalancierte” körperliche und seelische Reproduktion ausgestattet zu werden. Ganze Zweige der Unterhaltungsindustrie können heute von dieser gesellschaftlich nützlichen Moralisierung leben; statt einmal eine Fibel zur gesunden Lebensführung kann heute monatlich eine Hochglanzzeitung wie “Men’s Health” verkauft werden.

Die öffentliche Erziehung der “Unterschichten”

Die Einforderung des Engagements für die “eigene Gesundheit” wird öffentlichkeitswirksam und in verschärfter Form an denjenigen exekutiert, die, ob als Langzeitarbeitslose, Billiglohnjobber oder anderes, vom kapitalistischen Getriebe als überschüssige Arbeitskraft ausgespuckt worden sind. Ihnen wird prinzipiell erst einmal unterstellt, an ihrer Situation selbst schuld zu sein, weshalb Ihnen erst recht permanentes Sich-Bereit-Halten abverlangt wird. Diese Forderung erstreckt sich selbstverständlich und insbesondere auch darauf, was sie mit ihrem Stoffwechsel anstellen. Politiker formulieren öffentlichkeitswirksam, daß ‘einen Job bekomme, wer sich rasiere und wasche’, bzw. daß Hartz-IV-Empfänger ‘vor der Glotze zu hocken, Alkohol und Kohlenhydraten zu konsumieren und das gleiche ihren Kindern angedeihen lassen’. In Fernsehshows wird exemplarisch ihre Schuldenmacherei, die Verwahrlosung ihrer Kinder, ihrer Wohnungen und nicht zuletzt eben auch ihres Körpers dargestellt, und “Experten” zeigen Ihnen und den Fernsehzuschauern dann, wo es langgeht. Selbstverständlich ist das Treiben der Kontrolleure von Sozial- und Ordnungsämter auch dann verabscheuungswürdig, wenn Ihnen bei Ihren Einsätzen gerade keine Kamera folgt, aber daß sie auch noch zu Helden der Fernsehunterhaltung werden ist schon bemerkenswert.

“Schutz der Gesunden” als allgemeinverbindlicher Maßstab

Als unverantwortlicher Lebensstil gilt heute vieles, wovor der Einzelne sich selbst und die Allgemeinheit schützen soll, wobei die Allgemeinheit mit Vorliebe als das direkte soziale Umfeld oder aber “die Kinder” vorgestellt werden. Letztere haben schließlich, einerseits, noch ein ganzes Leben vor sich, in der sie ihre Tüchtigkeit zu beweisen haben, und gelten, andererseits, als höchst empfänglich für die offensichtlich allgegenwärtigen Verlockungen “unverantwortlicher” Lebensstile. So wird im Fall des um sich greifenden Rauchverbots zwar von offizieller Seite eingeräumt, daß damit die Zahl der kostenspieligen Krankheits- und Todesfälle gesenkt werden soll; Haupttitel der einschlägigen Gesetze und Maßnahmen ist jedoch der “Nichtraucherschutz” - so als sollte nicht vor allem das Rauchen mies gemacht, sondern denen, die zufälligerweise ohnehin nicht Rauchen, das Leben leichter gemacht werden.
Begleitet wird dies mit bild- und wortreichen “Pro-Nichtraucher-”Kampagnen, die zur massenhaften diesbezüglichen Sensibilisierung anregen. Wer in seinem Freundes- und Bekanntenkreis beobachtet hat, wie sich innerhalb weniger Jahre vormals eingefleischte Konsumstile wandelten, zum Beispiel Raucher zu Nichtrauchern wurden, und selbst Raucher plötzlich ein feines Näschen für den “ekligen Qualmgeruch” an der eigenen Kleidung entwickelten, steht mit seinen Bebachtungen sicherlich nicht alleine da. Wer nun dagegenhält, daß dies schließlich ein freies Land sei, in dem auch eine starke Tabaklobby agiere, sollte einmal näher betrachten, wie scharf solche potentiellen Störenfriede heute auf den offiziell sanktionierten Gesundheitsdiskurs einschwenken müssen, wenn sie überhaupt noch irgendwie mitreden wollen: Statt mit coolen Rauchern machen sie heute Kampagnen für “verantwortungsvolles Rauchen”. Ähnliches scheint sich heute übrigens für den Alkohol anzukündigen. Ein Alkoholverbot im Stile der Prohibition in den USA des 20. Jahrhunderts steht nicht zur Debatte - und wäre auch bei weitem kein so effektiver Hebel um tatsächlich in den Genußmittelkonsum von Millionen Menschen einzugreifen.

Junkie-Dasein als Stigma

Allein schon die Wahl eines bestimmten Drogenkonsumstils reicht heute, um abgeschrieben zu werden. Diejenigen, die sich als Drogengebraucher auf einer offenen Drogenszene zeigen, sind oft sichtbar von den dortigen Bedingungen gezeichnet. Trotzdem wird ihnen der Opferstatus, der noch vor dreißig Jahren, zu den Zeiten von Christiane F. und den “Kindern von Bahnhof Zoo”, gerne gewährt wurde, heute stillschweigend aberkannt. In all den vielen Diskussionen über Situationen wie die auf dem Weinbergspark werden Junkies kaum jemals erwähnt. Mitleidslos werden Sie darauf reduziert, Teil eines Gesamtbildes zu sein, mit dem man “Probleme haben” kann; eines Gesamtbildes, das schlechten Einfluß auf, natürlich, Kinder habe; und last not least Teil eines öffentlichen Raumes, auf dessen “Sauberkeit” und “Schönheit ” man als selbstbewußter “Stadtteilbewohner” einen Anspruch erhebe.
Die Gewalt, die sich jeder “Normale” antun muß, um angesichts der Anforderungen des kapitalistischen Alltags “normal” zu bleiben, macht die Stigmatisierung der Junkies zusätzlich attraktiv. Schwächeln gilt nicht, und wer sich durch das Nehmen von Mittelchen in aller Öffentlichkeit selbst schwächt, zieht sich erst recht den Zorn zu.
Das Elend der Junkies ist, wie die Legalisierungsbewegung - zumindest ihr humanistisch gesonnener Flügel - zurecht betont, drogenpolitisch vermeidbar. Aber dieses Elend selbst ist zugleich ein Stigma, das wie kaum ein anderes für die Entgegensetzung von anerkannten, verantwortungsvollen Lebensstilen mit deren Gegenteil steht. Als ein solches Stigma ist das Elend der Junkies ordnungs- und gesundheitspolitisch produktiv. Das i-Tüpfelchen des Zynismus der kapitalistischen Gesundheitspolitik besteht darin, längst über die Willkürlichkeit der Unterteilung in “gefährliche” und “ungefährliche” Substanzen aufgeklärt zu sein, das populäre Vorurteil über die Junkies und die Natur ihres Elends jedoch so sehr zu schätzen, daß sie die Modernisierung der Drogenbekämpfung liebend gerne und immer wieder auf die lange Bank schiebt.

Das traurige Ende der Legalisierungsbewegung als Modernisierungs-Mahner

Davon will die Legalisierungsbewegung - zumindest en gros - nichts wissen. Meistens tut sie so, als sei die beharrliche Aufklärerpose, optional ausgeschmückt mit halbwahren historischen Analogien, “neuesten medizinischen Forschungsergebnissen” sowie den unvermeidlichen Verschwörungstheorien über Pharmalobbyisten oder US-amerikanische Drogenkrieger, das letzte Wort zur Sache. Sie erkennt an, daß jeder jederzeit das große volksgesundheutliche Ziel an sich zu exekutieren habe, indem sie zum Beispiel (wie es praktisch alle mir bekannten Vertreter der Legalisierungsforderung tun) kontrollierte Methadon- oder Heroinabgabe als Teilerfolg ihrer Forderung feiern. Dabei sind solche Programme keineswegs dazu geeignet, den Drogenkonsum von überflüssigen Kontrollansprüchen zu entlasten - im Gegenteil, sie totalisieren den gesundheitspolitischen Anspruch noch, indem sie den Offenbarungseid des Drogenkonsumenten als Drogenpatient zur Teilnahmevoraussetzung machen. Auch wenn vor “süchtigen Lebensstilen” gewarnt und zum “verantwortungsvollen Umgang” mit Drogen aufgerufen wird sind Legalisierer ganz vorne mit dabei; von dieser moralischen Aufwertung des volksgesundheitlichen Anspruchs verspricht man sich schließlich, daß sie die Überflüssigkeit der Mystifizierung von Substanzen offenbare.

Angesichts solcher Strategien ist heute kaum noch etwas von einen kritischen Impuls der realexistierenden Legalisierungsbewegung zu spüren. Sie ist zum schlechten Gewissen und zum Modernisierungs-Berater der Drogen- und Lebensstilkontrolle geworden. Noch einmal sei dagegen festgehalten: Eine wirksame Kritik des Drogenverbots im Kapitalismus muß darauf hinweisen, wie sehr das Drogenelend drogenpolitisch bedingt ist, muß diese Drogenpolitik aber auch erklären. Dies ist kaum möglich ohne sich mit dem gesundheitlichen Totalanspruch moderner kapitalistischer Gesellschaften auf den Stoffwechsel der Einzelnen zu befassen. Es ist eben ein Unterschied ob man eine Sache kritisiert und abschaffen will oder ihre Modernisierung anmahnt. Daher bleibt uns, wenn wir bei unseren Veranstaltungen regelmäßig zum “kritischen” o.ä. Mitmachen bei der Legalisierungsbewegung aufgefodert werden, nur eines: Dankend abzulehnen.


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